Der Winter naht mit großen Schritten und langsam aber sicher neigt das Jahr sich seinem Ende zu – genau wie meine Schwangerschaft. Fünf Wochen sind es nun nur noch bis zum errechneten Geburtstermin. Fünfunddreißig Tage.

Wo sind die letzten neun Monate nur geblieben? Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, wie René und ich morgens im Bett lagen, die kleine Wachtel noch im Schlaf, und zappelig den Schwangerschaftstest in den Händen hielten. René durfte zuerst schauen, grinste mich dann verschmitzt an und sagte: “Jetzt darfst Du gucken.”

Unsere Freude war riesig, und ich konnte mein Glück kaum fassen. Doch alles war auch noch so weit entfernt, so abstrakt und nicht greifbar.

Es folgten Wochen des Wartens, der bleiernen Müdigkeit und auch der Sorge wegen immer wiederkehrender, unerklärlichen Blutungen. Viele, viele Arzttermine und jedesmal die wunderbare Erleichterung, wenn das kleine Herzchen noch immer schlug.

In der fünfzehnten Woche spürte ich die ersten zaghaften Bewegungen. Wie eine winzige Hand, die sich nicht traut, mit ganzer Kraft zu stupsen und stattdessen nur ganz vorsichtig und kurz berührt.

Dann feierten wir Milenas ersten Geburtstag. Unsere kleine Wachtel, nun schon ein ganzes Jahr alt! Kurz darauf lernte sie laufen und sprechen gleichzeitig und unser gemeinsames Leben änderte sich erneut. Vieles wurde leichter und ich war froh über ihre neue Mobilität, die meinen Rücken schonte.

Gleichzeitig fing ich wieder an, ganztags zu arbeiten. 60% im Büro und 40% von zu Hause aus, und die kleine Wachtel ging zu Katja in dieser Zeit. Die erste Eingewöhnung fiel mir schwer – wie seltsam es doch war, getrennt zu sein von diesem Sonnenschein, den man im vergangenen Jahr tagtäglich um sich gehabt hat. Doch alles klappte so wunderbar, Milena fühlte sich so wohl dort und so konnte auch ich gut damit umgehen.

Auf der Arbeit nahmen meine Kollegen sehr viel Rücksicht auf mich. Trotzdem litt ich – das zweite Drittel der Schwangerschaft war entgegen aller Erwartungen und Erfahrungen wohl das anstrengendste. Ich hatte fiese Rückenschmerzen, schon die kleinste Anstrengung bescherte mir Einschränkungen in der Beweglichkeit und das Iliosakralgelenk, von dem ich vorher nicht einmal wusste, dass es so etwas gab, macht mir das Leben schwer. Doch zwei Besuche beim Osteopathen und fast aller Schmerz war wie weggeblasen! Ich freute mich, wieder flott und unbeschwert unterwegs sein zu dürfen und genoss diese neu gewonnene Freiheit.

Ich belegte einen Yogakurs für Schwangere, einen wunderbaren Schwimmkurs und begann den Geburtsvorbereitungskurs im Geburtshaus. Es tat mir gut, diese Zeit für mich und vor allem auch für das kleine Wesen in mir zu haben, denn Milena, Arbeit und Haushalt ließen im Alltag nur wenig Gelegenheit, in sich zu gehen und in Ruhe zu lauschen.

Vor kurzem begann mein Mutterschutz und seitdem genieße ich ruhige und entspannte Vormittage allein zu Haus. Gelegenheit, Kraft zu schöpfen und einfach mal auszuspannen. Ich nehme das als Geschenk, in dem Wissen, dass die kommenden Wochen vermutlich alles andere als entspannt sein werden.

Doch so langsam spüre ich die Belastung für meinen Körper wieder etwas stärker. Die Nächte sind nicht mehr wirklich schön, da ich oft jede Stunde aufwache und häufig auch nicht mehr einschlafen kann. Ständige Gänge zur Toilette und Gedanken an die Zukunft halten mich wach. Wie wird es wohl werden, das Leben zu viert? Wie wird unser Sohn wohl sein? Werde ich ihn genau so bedingungslos und abgöttisch lieben wie unsere Tochter?

So oft schon habe ich von Müttern gehört, die sich diese Frage stellten und trotz aller Unsicherheit war alles glasklar, sobald sie ihr Kind das erste mal in den Armen hielten. Dennoch frage ich es mich wieder und wieder – alles ist, obwohl es nur noch fünf Wochen bis zur Geburt sind, so weit entfernt, irgendwie. Noch immer ist alles so abstrakt und liegt im Nebel und ich kann mir wirklich und wahrhaftig nicht vorstellen, in nur so kurzer Zeit dieses kleine, hilfebedürftige Bündel Mensch ansehen, riechen, spüren zu dürfen.

Es gibt Momente, da schwanke ich zwischen Zuversicht und leichten Anfällen von Panik. Wir werden Verantwortung tragen für nicht nur ein kleines Kind, welches wir mittlerweile ja schon gut kennen, an das wir gewöhnt sind, sondern gleich für zwei Wesen! Davon wird eines winzig sein, kaum größer als ein Laib Brot, und wir werden so gut wie nichts über diesen Jungen wissen. Er wird zu uns kommen als fertiger Mensch, mit großen Bedürfnissen, einem ganz neuen Charakter und vielen unbekannten Eigenschaften, die wir alle erst kennenlernen müssen. Er wird anfangs zu kaum mehr in der Lage sein als aus klitzekleinen Äuglein in die Welt hinaus zu blinzeln und unsere Aufgabe wird es sein, ihm Wärme, Geborgenheit und Liebe zu schenken. Werden wir das schaffen?

Es ist doch erst anderthalb Jahre her, dass die kleine Wachtel so winzig und hilflos war, und trotzdem kommt es mir manchmal so vor, als hätte ich schon alles aus dieser ersten Zeit wieder vergessen. Sie ist schon so groß und selbständig geworden, zieht sich ihre Jacke selbst aus, isst ihre Portionen ganz alleine und erklärt uns die Welt.

Wird es mir gelingen, mich trotzdem auf ein Neugeborenes einstellen zu können? Werde ich mich wieder erinnern, wie man ein Köpfchen stützt, wie man stillt, wie man einem so hilflosen Wesen alles schenkt, was es zum Leben braucht?

Und werden wir es schaffen, erneut ein Gleichgewicht in unserer Familie herzustellen, in dem jeder bekommt, was er braucht?

Meine Zuversicht sagt mir, dass wir das werden, dass sich alles von selbst finden wird. Dass es vielleicht Zeit braucht, doch dass wir dem gewachsen, dass wir stark genug sind. Dennoch spuken mir diese Fragen in manchen Nächten durch den Kopf.

Aber das gehört wohl auch dazu…