Immer wieder freitags ist es soweit. Kinderturnen in der Turnhalle der örtlichen Grundschule.

Irgendwie gehen sämtliche Nachbarskinder dorthin und so war es ein unausweichlicher und völlig natürlicher Prozess, dass auch unsere Kinder freitags in Schläppchen schlüpfen.

Vor etwa einem Jahr fingen wir an, Wachtel an der Hand, Winterkind auf dem Arm und Spünkchen im Bauch, aber schnell winkte ich ab. Ich dachte, beim Kinderturnen turnen die Kinder und nicht die Eltern! Aber laufen Sie mal eine geschlagene Stunde schwanger zwei kleinen Wirbelwinden hinterher… Großmutter war zum Glück zur Stelle und sprang ein. Fortan ging sie mit der Wachtel und der Rest blieb daheim.

Doch das Winterkind wurde größer und mit steigernder Sprachfähigkeit und -bereitschaft forderte er vehement sein Recht auf Kinderturnen ein. Diesmal aber war es an der Oma abzuwinken – mit zwei Kindern sehe sie sich nicht in der Lage, das ganze bei seelischer Gesundheit zu überstehen.

Und so kam es also, dass ich nun wieder in den Genuss der Sportstunde komme.

Eins zuerst: Es ist voll. Unheimlich voll. Es herrscht ein Gewusel wie im Ameisenhaufen und wenn ich weiß, wo eines meiner Kinder sich gerade aufhält, bin ich schon glücklich. Es ist unmöglich, auf beide zu achten. Aber ein kleines bisschen Freiheit wird ihnen wohl nicht schaden, außerdem möchte ich wirklich auf gar keinen Fall die gesamte Stunde laut rufend durch die Halle laufen, so wie der Papa von Leo-Martin. “Leo-Martin? Leo-Martin? Leo-Martin, komm da sofort runter!”, und mit jedem Mal rollen meine Fußnägel sich ein kleines bisschen weiter nach oben, mein Mitleid für den armen Kerl steigt und der Wunsch, dass eine beherzte Person ihn doch endlich einmal Leo nennen soll, wird immer größer. Oder auch Martin.

Während die Wachtel nun also irgendwo ist, stehen das Winterkind und ich an irgendeinem Gerät an. Das bedeutet, ich stehe an und mein Sohn drängelt sich gelassen und selbstverständlich vor. Nicht ohne hochgezogene Augenbrauen von Seiten der anderen anstehenden Eltern natürlich, und so beordere ich ihn wieder neben mich, wo er es etwa zwei Sekunden aushält, ehe er wie durch Wunderhand plötzlich wieder der Erste in der Schlange ist. Von schräg hinten brummt es: “Leo-Martin, nicht drängeln!”

Die Sekunde, die ich brauche, um Leo-Martin einen mitleidigen Blick zuzuwerfen, nutzt das Winterkind geschickt aus, um zu verschwinden. Später werde ich ihn wiederfinden, wie er die Handtaschen der anwesenden Damen auf Nahrungsmittel filzt.

Derweil entdecke ich meine Tochter bei dem Versuch, sich ihrer Hose zu entledigen. Sie sei zu lang, und da hat sie vollkommen recht, aber von der Möglichkeit des Hochkrempelns kann ich sie nicht überzeugen. So zanken wir uns ein bisschen, ich wünsche mich innerlich an einen Ort ganz weit weg, vielleicht mein Bett oder unser Keller oder etwas in der Art, bis ich schließlich kapituliere.

Der Papa von Leo-Martin läuft an uns vorbei und mittlerweile bin ich sicher, dass sich der Name seines Sohnes schon in mein Innenohr geprägt hat. Ich werfe einen müden Blick auf die Bank, doch dort ist kein Platz mehr frei, denn auf der einen Hälfte ruht eine Oma nebst Picknickkorb, auf der anderen quetschen sich drei Väter mit ihren iPhones.

Schließlich entdecke ich meinen Sohn, der in einem abgebauten Kasten hockt und Boot spielt. Ich setze mich ein wenig zu ihm, froh dem Wirbel entkommen zu sein und wir haben zwei richtig schöne Minuten. Doch dann schnappt die Tochter der Leiterin ihn sich, um ihn auf irgendein Gerät zu bringen.

Mittlerweile ist ein Platz auf der Bank frei. Ich setze mich, schaue dem Gewusel eine Weile zu und freue mich an der Freude der Kinder. Die ist nämlich unbestritten. Augen glänzen, Wangen röten sich und kleine Herzen pochen vor Stolz. Achja, genau, das war der Grund, wieso wir hier hingehen.

Gestern übrigens war ich die einzige Mutter, die dabei war. Eine einsame Mutter in zahllosen Reihen von Vätern. Ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz. Besonders, als die Kursleiterin mit einem inneren Strahlen erzählte, dass sie ein Baby im Bauch hätte und fortan beim Aufbauen mehr Hilfe bräuchte. Kein Vater schaute von seinem iPhone auf, desinteressiert wurde weiter getippt und gesmst, nur aus einer Ecke drang ein um drei Oktaven höheres, freudiges: “Oooooooooh! ♥” Das war die Ecke, in der ich saß. (Und somit hätten wir den grundlegenden, genetischen Unterschied zwischen Mann und Frau gleich mit erklärt.)