Seit Wochen nun geistert mir dieser Geburtsbericht unfertig im Kopf herum. Formulierungen kamen mir in den Sinn, wurden begutachtet, verworfen, wieder hervor gefischt. Irgendwie fand ich keinen Anfang, keinen Einstieg und so schob ich das Ganze vor mir her.

Festhalten und in Worte fassen wollte ich die Geburt natürlich, aber wie ich es auch drehte und wendete, es wollte nicht gelingen.

Doch in den letzten Tagen merkte ich, wie ich bei der Erinnerung daran friedlicher wurde. Die Vorwürfe an mich selbst nahmen ab, das Akzeptieren fing an. Nein, keine schrecklich großen Vorwürfe, eher klein und hartnäckig, aber doch immerhin so groß, dass Erinnerungen an die Geburt zwangsläufig immer auf dieselbe Art endeten: Wäre dieses Ende nicht zu vermeiden gewesen?

Aber ich fange lieber von vorne an.

Es war Mitte April und es ging mir schlecht.

Seit einem halben Jahr hatte ich permanente, arge Rückenschmerzen, die mich inzwischen auf dem Zahnfleisch kriechen ließen. Nichts ging mehr einfach so, alles war ein Akt. Ja klar, das ist in der Endschwangerschaft nun mal so, aber Endschwangerschaften kannte ich ja bereits – das hier war heftiger. Diese Schwangerschaft brachte mich wirklich an die Grenzen und ich schwor hoch und heilig, dass ich niemals wieder schwanger werden wollte. Diese Belastung wollte ich mir selbst und auch meiner Familie nicht noch ein weiteres mal zumuten.

Zu den Rückenschmerzen und all den sonst üblichen Schwangerschaftsbeschwerden gesellten sich Vorwehen – dieselben, die ich auch schon vom Winterkind kannte. Drei, vier Wochen lang bemerkte ich diese nun schon, doch ich rechnete nicht mit einer raschen Geburt. Der 16.04.2012, errechneter Termin, kam und verstrich und ich war überzeugt davon, noch mindestens eine weitere Woche warten zu müssen. Das Winterkind kam elf Tage nach Termin zur Welt, so lange würde es diesmal sicher nicht gehen, aber sicher würden wir im letzten Drittel des Aprils landen.

Einen Tag nach dem Termin traf ich mich in der Früh mit meiner Hebamme Heike im Geburtshaus und sie staunte, wie gut es mir ging. Und sie hatte recht – seit gestern fühlte ich mich befreit, innerlich viel ruhiger und fatalistischer. Komme, was wolle, ich hatte keine Angst mehr vor der Geburt und fühlte mich allem gewachsen, auch den letzten, sich in die Länge ziehenden und anstrengenden Tagen.

Ich fragte sie im Scherz, was eigentlich die ungünstigste Uhrzeit sei, um sie zur Geburt anzurufen und sie erklärte, dass es nachts so gegen ein, zwei Uhr am ärgsten sei, wenn man gerade eine Stunde Tiefschlaf hinter sich hat. Und wir scherzten: Naja, so würde es ja sicher nicht kommen, schon gar nicht in den nächsten Tagen, und selbst wenn – so ist es halt als Hebamme, das gehört dazu.

Ich fuhr heim, schoss das letzte Schwangerschaftsfoto, vertüdelte den Tag. Abends brachten wir die Kinder zu Bett und gegen zehn ging ich selbst schlafen.

Ich war schon seit Monaten daran gewöhnt, nachts wach zu werden und dann anderthalb Stunden wach zu liegen. Gedanken zu wälzen, die Ruhe zu genießen und einfach darauf zu warten, dass der Schlaf wiederkommen würde. So wunderte ich mich dann auch nicht, als ich um halb zwei aufwachte. Zwar war es etwas früher als üblich, aber ich war ja auch recht früh zu Bett gegangen. Allerdings war ungewöhnlich, dass ich von einer Wehe wach wurde – bislang hatte ich diese immer verschlafen und nur tagsüber bemerkt. Ich merkte mir die Uhrzeit und wartete ab.

Sieben Minuten später dasselbe Gefühl – ein Ziehen im Unterleib, als würde sich ein Luftballon im Bauch aufpusten, um nach kurzen Augenblicken wieder zusammen zu fallen. Ich zweifelte nicht, ja, natürlich waren das Wehen, und auch nicht mehr bloße Vorwehen, schließlich hatte ich das schon zweimal erlebt. Zur Sicherheit wartete ich aber noch eine halbe Stunde ab. Ja, Wehen etwa alle fünf Minuten.

Gegen zwei Uhr weckte ich den Liebsten: “Hey, ich glaube, es geht los.”

Sofort war er wach. Zwar sehr verschlafen, weil er erst kurz vor Mitternacht zu Bett gegangen war, aber sofort aufbruchsbereit. Das ging mir aber alles zu schnell – ich wollte Heike noch nicht anrufen, ich wollte noch nicht meine Tasche packen und schon gar nicht wollte ich Hals über Kopf ins Geburtshaus fahren! Viel lieber wollte ich einfach in Ruhe noch ein wenig abwarten. Natürlich, die Geburt ging los, das war mir klar, aber ein wenig Zeit war doch noch. Dreieinhalb Stunden dauerte die zugegeben sehr rasche Geburt des Winterkinds – selbst wenn es diesmal ähnlich schnell gehen würde, müssten wir uns doch nicht so hetzen!

Doch der Liebste blieb hart. Er hatte ziemliche Panik vor der Vorstellung einer Geburt zu Hause, unvorbereitet und ohne Hebamme, oder noch schlimmer, auf dem Weg ins Geburtshaus, irgendwo am Straßenrand…

Ich ließ mich breitschlagen und rief um halb zwei Heike an. Halb zwei? Na toll, genau die schlimmste Uhrzeit für Heike! Schlaftrunken meldete sie sich, klang etwas verhalten und erklärte dann, gerade eben erst von einer Geburt nach Hause gekommen zu sein. Seit fünf Minuten erst lag sie im Bett – so ein Mist! Sie würde versuchen, ein wenig zu schlafen und wir sollten uns melden, sobald wir uns entschieden hätten, loszufahren.

Das hatten wir eine viertel Stunde später. Die Wehen waren zwar noch sehr gut auszuhalten, aber sie hatten zugenommen und kamen etwa alle vier bis sechs Minuten. Wir verabredeten uns für gleich im Geburtshaus und ich erinnerte Heike noch einmal daran, bitte sofort die Badewanne einzulassen. Ich wollte ins Wasser, und zwar so schnell wie möglich.

Meine Mutter, die wir kurz vorher angerufen hatten, kam an. Sie würde bei uns daheim bleiben, über den Schlaf der Kinder wachen und die beiden dann am Morgen zur Tagesmutter bringen.

Inzwischen waren wir schon unten im Wohnzimmer, ich saß auf der Couch und tönte bei jeder Wehe. Der Liebste packte die Tasche und ich twitterte ganz rasch noch: “Das Spünkchen kommt. Ich kann nicht aufhören zu zittern.”

Das konnte ich tatsächlich nicht. Mir war kalt, ich fühlte meinen Kreislauf schwach werden und natürlich war ich aufgeregt! Nun war es also soweit, unser drittes Kind macht sich auf den Weg zu uns, und vor lauter Vorfreude und Sorge und Angst und Aufgelöstheit zitterten meine Hände und Beine unkontrolliert.

Wir hatten meiner Mutter alles Nötige erklärt, der Liebste war fertig mit Packen und fuhr das Auto vor. Langsam und vorsichtig stand ich aus dem Schneidersitz auf, wuchtete mich hoch und setzte mich in Bewegung. Bis zur Küche schaffte ich es, dann kam die nächste Wehe und ich musste mich auf der Arbeitsplatte abstützen und tönen. Eine Weile blieb ich so, denn durch das Aufstehen und den plötzlichen Druck nach unten hatten die Wehen sich verändert, waren stärker und viel länger geworden. Doch wie auch die anderen Male half mir das konzentrierte Atmen und Tönen sehr – was hätte ich nur ohne getan?

Ich machte mich wieder auf den Weg ins Auto, wollte dabei keine Hilfe haben und schaffte es schließlich, einzusteigen.

Unter guten Wünschen machten wir uns auf den Weg.

Es war kurz vor drei, mitten in der Nacht, und die Straßen lagen verlassen vor uns. Der Liebste fuhr so schnell wie möglich und ich fluchte wieder: Wehen im Auto! Jeder kleine Kieselstein, über den wir fuhren, entlockte mir Schmerzensschreie, mein kontrollierter Atem war dahin. Schneller, bitte schneller!

An einer roten Ampel spürte ich, wie die nächste Wehe kam, fing an zu tönen und hoffte inständig, dass der Liebste es richtig deuten und bei Grün nicht anfahren würde. Schließlich waren wir mutterseelenallein, niemand stand hinter uns. Doch er war ganz besessen davon, möglichst schnell im Geburtshaus anzukommen, ich verdrehte innerlich die Augen, biss die Zähne zusammen und überstand die Wehen im fahrenden Auto. Kurz vor der nächsten bat ich ihn, rechts ranzufahren – so ging es besser.

In tiefster Dunkelheit kamen wir im Geburtshaus an. Ich blickte aus dem Wagenfenster und sah das wunderschöne Gebäude dort liegen, die Fenster im Erdgeschoss in gedämpftem Licht erhellt und hatte dieses wunderbare Gefühl des Heimkommens. Hier waren wir genau richtig, hier würde alles wunderbar verlaufen!

Ich stieg in Zeitlupe die fünf Stufen hinauf, René klopfte an und wir wurden von Heike willkommen geheißen. Ich vertönte die nächste Wehe, tauschte mit Heike einen “Jaja, wer hätte das gedacht…”-Blick aus und ging ohne Umwege direkt ins Badezimmer. Mit jedem Schritt legte ich ein Kleidungsstück ab und ließ mich, angekommen, sofort in die eingelassene Wanne gleiten.

Wärme umfing mich, ich spürte, wie ich leichter wurde und endlich fiel die Aufregung, das Ungewisse, von mir ab. Das Zittern hörte endlich auf und ich kam an in dieser Geburt.

Heike brachte mir einen Tee und wir unterhielten uns ein wenig. Sie fragte, ob sie Doro, die zweite Hebamme, schon dazurufen soll und ich bejahte. Die Wehen waren inzwischen recht stark und ich hatte nicht das Gefühl, dass es noch lange dauern würde. Keine Viertelstunde später war Doro, die auch zur Geburt meines Sohnes dabeigewesen war, da.

Ich saß im Schneidersitz in der Badewanne und fühlte mich wohl. Das Wasser war warm, es roch gut und Kerzenschein erhellte den Raum. Die Wehen waren stark, doch ich kam gut damit zurecht. Ich tönte laut und klar, die Gedanken auf mein Kind gerichtet und in der festen Überzeugung, dass ich es sehr bald schon würde im Arm halten dürfen.

Heike wollte gerne einmal nach dem Muttermund tasten und etwas widerwillig ließ ich es zu. Ihr Blick und ihre Worte dann entmutigten mich: Das waren noch keine fünf oder sechs Zentimeter. Wenn es zwei waren…

Ein wenig fassungslos war ich. Sollte es wirklich noch viel länger dauern? Sollte ich tatsächlich noch stundenlang ausharren müssen, die Schmerzen ertragen und das alles in dem Bewusstsein, dass die letzte Geburt doch viel schneller, viel angenehmer verlief? Ich verlor den Mut und merkte gleichzeitig, dass es mitten in der Nacht und ich eigentlich hundemüde war.

Kaum kam mir dieser Gedanke, nahm die Wehenstärke ab. Ja, ich musste noch immer laut tönen, doch selbst Heike konnte hören, dass das keine Wehen mehr waren, mit denen das Kind kommen würde.

Na toll, und wir hatten Doro schon gerufen, die eigentlich ja nur für die letzte Phase hier sein müsste, und jetzt ging es nicht weiter!

Mein Mut und meine Laune waren am Boden.

Mit den Worten, dass wir jetzt einfach auf stärkere Wehen warten würden, zogen die Hebammen sich ins Nebenzimmer zurück und ließen den Liebsten und mich allein.

Ich saß weiterhin im Schneidersitz, versuchte, mich nicht allzu sehr deprimieren zu lassen und vor allem auch nicht einzuschlafen.

Wehe für Wehe kam, mit geschlossenen Augen vertönte ich sie alle. Und mir war klar, obwohl es starke Wehen waren, die mich voll und ganz beanspruchten, dass das auch noch deutlich stärker geht, gehen muss. So bekommt man kein Kind – ich war noch nicht an der Grenze angekommen, hatte noch nicht über mich hinaus wachsen müssen.

Ich spürte die nächste Wehe kommen, öffnete den Mund, sang ein lautes “Aaaaaah…” und merkte gleichzeitig, dass auf einmal irgendetwas anders war. Etwas geschah, und auch, wenn mir noch nicht im Entferntesten klar war, was das war, so wusste ich doch, dass ich Heike jetzt brauchte. Ich tönte: “Aaaah…eike…aaaaah…” und die Gute hörte es sofort, sprang auf und eilte herbei.

Die Wehe dauerte an, wurde stärker, immer stärker und fassungslos wurde mir klar, dass dies die erste Presswehe werden würde. Im selben Moment merkte ich, wie die Fruchtblase aufsprang, tönte weiter, oder nein, schrie auf einmal, denn dieser Schmerz, diese Gewalt war auf einmal riesengroß und nicht mehr auszuhalten. Ich merkte, wie ich jegliche Kontrolle über meinen Körper verlor, wie ich aufhörte, irgendetwas mitzugestalten, mit zu entscheiden und stattdessen einfach zum Spielball der Natur wurde. In mir machte unser Kind sich auf den Weg, genau jetzt, und mit einem gellenden Schrei schnellte ich nach oben. Ich kam irgendwie vom Schneidersitz auf die Füße, spürte den Kopf, der geboren wurde, und musste weiter hoch, hoch, drückte mich durch und stand, spürte Schultern, Oberkörper und schließlich die Beine, die durch mich hindurch glitten und nach unten fielen. Brach vollkommen überwältigt zusammen und landete wieder im Wasser, das nun rot gefärbt war.

Geübte Hände reichten mir ein warmes Bündel Mensch, bedeckt mit weichen Tüchern, und ich nahm dieses zitternde, kleine Wesen im Empfang. Legte es mir auf die Brust und konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Noch vor neunzig Sekunden hatte ich mir stärkere Wehen gewünscht und jetzt hielt ich mein Kind im Arm – wie konnte das sein? Ich war fassungslos, stand neben mir.

Desorientiert blickte ich auf, sah Heikes Hände die Nabelschnur abklemmen und fragte: “Was tust Du da?” Eigentlich soll die Nabelschnur auspulsieren, erst eine gute Viertelstunde nach der Geburt durchtrennt werden, doch Heike sah mich aus großen, ernsten Augen an und erklärte: “Die Nabelschnur ist durchgerissen, Melanie. Ich muss sie sofort abklemmen.”

Verständnislos ließ ich es geschehen. Heike und Doro drängten nun, dass ich aus dem Wasser heraus müsse und natürlich hatten sie recht. Unser Kind und ich hatten durch die zerrissene Nabelschnur beide Blut verloren und im Wasser konnte niemand einschätzen, wieviel genau. Ich war körperlich am Ende, völlig kraftlos, aber mit vereinter Hilfe bekamen wir mich auf die Liege neben der Badewanne.

Der Liebste hielt unser Kind die ganze Zeit im Arm. Noch immer wussten wir nicht, ob es ein Junge oder ein Mädel war, aber es war auch nicht wichtig.

Wir beide wurden versorgt, warm zugedeckt, untersucht. Alles sah gut aus!

Nach einer Weile siegte die Neugier und wir sahen nach: Wir hatten ein Mädchen bekommen! Immer wieder weinte ich, auch jetzt, vor Freude, Glück, vor Fassungslosigkeit, Sorge und Erleichterung.

Wir blieben noch einige Stunden im Geburtshaus. Ich wurde aufgepeppelt, genäht, beglückwunscht. Una trank, wurde untersucht, war sehr blass. Heike machte, da sie selbst so eine Geburt noch nie erlebt hat, einen Termin für den Nachmittag beim Kinderarzt für unsere Tochter aus, aber erst einmal fuhren wir überglücklich heim.

Später am Abend der Rückruf des Arztes: Die Blutwerte waren nicht in Ordnung, der Blutverlust vermutlich höher als gedacht. Wir mussten ins Krankenhaus, wo unsere Tochter zwei Tage ohne uns bleiben musste und eine Bluttransfusion erhielt.

Zwei Tage Wochenbett ohne Baby. Mein Herz brach. Und über allem immer wieder der Vorwurf: Wieso bin ich in diesem letzten Moment nur aufgestanden? Hätte ich nicht einfach knien können? Aber nein, es trieb mich hoch – das war keine willentliche Entscheidung. Es geschah einfach, ohne dass ich Einfluss darauf hätte nehmen können.

So waren die ersten beiden Tage schlimm, für alle von uns, aber schließlich holten wir unser Kind nach Hause. Unser Spünkchen, kleine Schwester, Kämpferin.

Sie kam am 18.04.2012 um 04:15 zur Welt, gerade einmal zweieinhalb Stunden, nachdem ich wach geworden war.

Ein wenig haderte ich mit dieser Geburt, sie war nicht ganz so stimmig wie die letzte, aber jetzt nehme ich sie so an, wie sie eben war. Unerwartet, außergewöhnlich, aber nicht weniger zauberhaft und wunderschön.

Und ich bin aus tiefstem Herzen dankbar für dieses zauberhafte Kind, unser drittes, und auch dafür, wieder eine solch bewegende und letzten Endes doch glückliche Geburt erlebt haben zu dürfen.

Danke.