Ich erinnere mich noch so gut an die ersten Tage mit dem Winterkind. Gut, nicht an alles. Seine Winzigkeit kann ich mir zum Beispiel nicht mehr vor Augen führen, sein kleines, zerknautschtes Gesichtchen oder die Händchen mit den weichen Fingernägeln, die man einfach so abzupfen konnte. Der Neugeborenenduft, die schönen Hebammenbesuche und das Stillen… größtenteils ist mir das nur noch ganz vage im Gedächtnis. Einzelne Szenen springen heraus, aber das Gesamtpaket ist verschleiert und versteckt.

Was mir aber noch sehr, sehr präsent ist, ist das Finden der neuen Alltagsroutine und wie chaotisch unsere Vormittage waren. Ganz besonders das Aufstehen und Fertigmachen fand ich ziemlich unüberschaubar und ich hatte den starken Eindruck, dass ich mindestens zwei Hände zu wenig hatte. Bislang hatte sich immer einer von uns um die Wachtel gekümmert und der andere um sich selbst. Duschen, Anziehen und so weiter. Dann wurde getauscht. Nun gab es plötzlich zwei Kinder und niemand hatte mehr zwischendrin Pause.

Irgendwie eierten wir uns durch und langsam aber sicher kam sie, die Sicherheit, Gewohnheit, Routine. Inzwischen sind wir echte Profis und auch, wenn es immer mal wieder einen Morgen gibt, an dem wir uns furchtbar verspäten und nichts irgendwie richtig klappt, läuft im Moment alles sehr entspannt, eingespielt und ruhig ab. Das liegt natürlich zum einen an uns selbst und den Erfahrungen, die wir gewonnen haben, zum anderen aber auch an den Kindern, die gut mitmachen, weil sie das alles schon kennen.

Ein Bild, welches ich im Moment oft vor meinem inneren Auge habe, ist, wie ich die Kinder von der Tagesmutter abhole. Ich fahre mit dem Auto hin, werde jubelnd begrüßt und versuche dann mit möglichst wenig Bewegungsaufwand beide Kinder anzuziehen. Aber da muss erst noch ein Buch gelesen oder ein Turm gebaut werden, es geht nie richtig schnell. Und ich selbst bin so unbeweglich! Sitze ich auf dem Boden (und wo soll ich auch sonst sitzen?), komme ich nicht mehr hoch und nach vorne Beugen geht auch nicht mehr. Ich überrede also alle anwesenden Kinder, mir Jacken, Mützen, Schals und Schuhe zu bringen. Wer zufällig in meiner Reichweite ist, wird angezogen, den Rest erledigt Katja.

Dann setzt sie mir das Winterkind auf den Arm und dick eingepackt verlassen wir zu dritt, nein, zu dreineinhalbt, das Haus. Die Wachtel an meiner Hand, das Winterkind auf meinem Arm und in der Mitte ein unübersehbarer Babybauch.

Genau dieses Bild ist es, was ich meinte. Meine zweieinhalb Jahre alte Tochter, mein Sohn, der gerade ersten Geburtstag gefeiert hat und ich selbst, ziemlich schwanger, die das alles doch irgendwie ganz gut im Griff hat. Meistens zumindest.

Hätte ich mir das vor ein paar Jahren vorstellen können? Ganz sicher nicht! Wir haben 2012 – vor gerade einmal sechs Jahren lernte ich den Liebsten kennen. Wir waren schwer verliebt, ich hatte eine schicke kleine Wohnung in der Innenstadt und wir verbrachten mehr Zeit in Bistros und Restaurants als irgendwo anders. Wir besuchten Konzerte, gingen ins Kino und feierten coole Silvesterparties.

Einmal passte ich auf meine Nichte auf, damals noch ein Baby, und ich zog ihr die neue Windel falsch herum an. Das ist ganz schön bezeichnend.🙂

Heute ist mein Leben um 180 Grad gedreht. Ich habe Verantwortung für das Wohl meiner Kinder und für unser Leben als Familie. Ich habe so wenig Freizeit wie nie zuvor und muss unheimlich schmunzeln, wenn ich mich an meine Gedanken im Gymnasium erinnere. “Oh Mann, die achte Stunde geht bis 14:05 Uhr und DANN hab ich erst frei. Wie ätzend!” Ich beschäftige mich mit Fragen zur Kindergartenwahl, schreibe Einkaufslisten, zahle Rechnungen, wasche Tonnen an Wäsche, backe Kuchen, entscheide über Impfungen, puste und tröste, lese zig Kinderbücher vor, versuche, soziale Kontakte zu pflegen, gehe arbeiten, handarbeite für meinen Shop und schlafe, wann immer ich kann.

Es gibt immer wieder Tage, manchmal leider auch Wochen oder sogar Monate, in denen es nicht gut läuft, aber im Moment fühle ich, dass alles gut im Lot ist. Ich fühle mich – unglaublicherweise – dem Alltag gewachsen. Allerdings habe ich auch großen Respekt vor den kommenden Wochen, denn ich fürchte, dass ich körperlich noch eingeschränkter werde. Aber ich hoffe auf gutes Wetter und Stunden im Garten, frohe Kinder und wenig Schlepperei.

So ist es also gekommen. Das hätte ich vor zwei, drei, vier Jahren nie gedacht!

Und dann ist da doch noch dieser Rest Bammel: Wie wird es mit drei Kindern werden? Ich bin dann zwar nicht mehr schwanger und hoffe auf schnelle Erholung, aber drei Kinder? Ich meine, hallo, DREI KINDER? Und alle noch unter drei Jahren?

Ich vermute, dass unser Alltag wieder ziemlich auf den Kopf gestellt wird. Wir werden in der Anfangszeit, mit drei Wickelkindern, in Windeln ersticken. Wir werden chronisch das Gefühl haben, mit zu wenigen Körperteilen ausgestattet zu sein. Wir werden in der Unterzahl sein! (Damit fallen demokratische Abstimmungen natürlich flach!)

Aber nach einiger Zeit werden wir hoffentlich wieder mit unseren Aufgaben gewachsen sein und was heute wie ein riesiger Berg aussieht, schrumpft zum Hügelchen. Ich vertraue einfach mal darauf.