Neun Monate. Eine so lange und gleichzeitig so kurze Zeit mit Dir, mein Winterkind.

Eine Zeit, in der Du unser ohnehin recht chaotisches Leben gehörig durcheinander gewirbelt hast. In der Du Dich vom winzigkleinen Neugeborenen erst zum Baby und dann zum Kleinkind gemausert hast. In der Du die Welt mit Begeisterung entdeckst und in der wir immer wieder feststellen, wie sehr Du dazu gehörst, zu uns.

Müsste ich Dich in einem Wort beschreiben, wäre es vermutlich “Kletteräffchen”. Du kletterst den lieben, langen Tag, kein Möbelstück zu hoch, kein Aufstieg zu gefährlich. Erst greifst Du mit Deinen kräftigen, kleinen Händchen nach der erstbesten Kante in Augenhöhe, dann richtest Du Dich auf und falls Dir die Sache interessant erscheint, winkelst Du sogleich ein Knie an und hebst es nach oben. Der Po wackelt ein bisschen hin und her und schon hast Du es geschafft und hockst, sitzt, hängst irgendwie auf dem Objekt Deiner Begierde. Meist habe ich noch Angst und pflücke Dich schnell wieder herunter, aber manchmal sehe ich es auch einfach nicht und Du machst das ganz alleine. Niemand hat Dir gezeigt, wie man Füße voran sicher von Möbeln auch wieder herunterkommt – Du hast es einfach von einem auf den anderen Tag in Perfektion ganz von selbst gemacht.

Und nichts ist vor Dir sicher. Du öffnest zielsicher die Schränke mit den Küchengeräten oder den Reinigungsmitteln, Du schiebst Stühle tapsend vor Dir her, Du steigst in Kisten und Du wirfst Stehlampen um. Du krabbelst, robbst nicht mehr, in einem Affentempo durch’s ganze Haus, auch aus dem Haus hinaus und die Eingangstreppe hinunter. Dann setzt Du Dich draußen hin und kaust auf einem Stein nach dem anderen herum.

Ein paar Mal hast Du schon frei gestanden, für ein, zwei, drei Sekunden, und Angst hattest Du keine dabei. Du hast es halt einfach gemacht, als sei Dir gerade eingefallen, dass man das ja auch einmal probieren könnte.

Mein kleines Herz, Du hältst uns ganz schön auf Trab!

Wenn Dir etwas nicht passt, schimpfst Du laut und meckernd wie ein Rohrspatz. Dadadadada! Mamamama! Bababababa! Deine Schwester hat großen Spaß daran, mit einzufallen und manchmal sitzt Ihr Euch gegenüber und lacht Euch kaputt.

Du lachst auch sehr, wenn man Dich kitzelt – am liebsten nackig auf der Wickelkommode. Du prustest aus vollem Herzen hinaus und man hört Dich noch drei Gärten weiter.

Du bist ein so aktives Kind. Immer in Bewegung, nie still. All das Spielzeug interessiert Dich kaum, Du möchtest viel lieber klettern und laufen. Vermutlich bist Du deshalb auch immer recht schnell wieder müde – zwei Stunden hältst Du gut aus, aber dann wirst Du müde und jammerst ein wenig und schimpfst, bis man sich ins Bettchen mit Dir legt, Deine Hände hält und Du schnell eingeschlafen bist.

Seit zwei Wochen schläfst Du gelegentlich durch – elf, fast zwölf Stunden am Stück! In den Nächten, in denen es nicht so ist, bekommst Du, wenn Du aufwachst, ein Fläschchen und schläfst dann einfach weiter. Waren die erst fünf Monate eine Qual mit Deinem eineinhalb Stunden Rhythmus, so ist das jetzt unsere Entschädigung!

Essen tust Du alles, was Du in die Finger bekommst. Brei und Fruchtpöttchen magst Du gerne, aber Du isst ebenso vom Tisch mit uns mit wie Deine Schwester – mehr als sie sogar, denn Du pickst nicht sondern verschlingst. Du darfst alles essen, was Du magst und hast in Deinem jungen Leben schon zahlreiche Nahrungsmittel probiert. Über Obst, Gemüse, Fleisch, Backwaren, Süßigkeiten und Eis bis zu Fischstäbchen, Pudding und Brot, Würstchen, Joghurt und eigentlich alles, was in einer Familie mit Kleinkind so auf den Tisch kommt. Du verträgst alles gut und zeigst sehr deutlich, wenn Du satt bist.

Du greifst selbst nach der Wasserflasche, um zu trinken und nuckelst daran herum, aber dass man sie nach oben kippen muss, hast Du noch nicht verstanden.

Mein Herz, Du bist ein so großes Kind.  Zwar bist Du bis auf Deine Pausbäckchen schmächtig und schlank – kein Wunder bei all dem Sport, den Du treibst! – aber Dein Blick, Dein Verhalten, Deine ganze Art, das erinnert viel mehr an ein etwas älteres Kind. Wir bekommen oft zu hören, dass es unglaublich ist, dass Du erst neun Monate alt bist. Du wirkst einfach älter – vielleicht durch die langen Haare, die Dir so süß ins Gesicht fallen? Oder den wachen Blick, den Du schon wenige Tage nach Deiner Geburt hattest? Oder einfach wegen Deiner Mobilität? Es wirkt einfach älter, wenn ein Kind an beiden Händchen sich festhaltend herangelaufen kommt als wenn es noch liegt oder robbt oder krabbelt.

Manchmal bist Du aber auch noch ganz Baby. Wenn jemand Fremdes in Deinem Blickfeld ist, Dich vielleicht sogar anschaut oder etwas zu Dir sagt und Du Deine Mama nicht siehst – dann dauert es keine zwei Sekunden bis Du bitterlich weinst und dicke Krokodilstränen auf den Boden fallen. Dann merkt man, wie klein Du eigentlich noch bist und wie wichtig es ist, dass Du Deinen Kopf an meiner Schulter vergraben und Dich ein wenig verstecken kannst.

Aber das sind seltene Momente – viel häufiger bist Du Lebensfreude und Energie pur.

Du bist so begeistert von Deiner großen Schwester, lässt Dich so gerne von ihr unterhalten. Manchmal sitzt Ihr nebeneinander und lest gemeinsam ein Buch, manchmal krabbelt Ihr zusammen durch den Krabbeltunnel. Nur wenn sie Dich feste umarmt und Dich trösten will, dann schimpfst Du und willst Dich schnell wieder befreien.

Neun Monate mit Dir, mein Winterkind. Du bist so anders als erwartet, so voller Überraschungen. Du hast Deinen eigenen Willen und Du interessierst Dich herzlich wenig für ein Nein von uns. Du bist hartnäckig, ehrgeizig und stark, fröhlich, selten verschmust aber immer voller Energie.

Wir lieben Dich sehr, kleiner Mensch, und sind glücklich und stolz, Dich auf Deinem Weg begleiten zu dürfen.