Noch nie ist ein Mensch gestorben, den ich richtig kannte. Noch nie “trug ich Trauer”.

Aber eigentlich stimmt das nicht wirklich. Natürlich sind schon einige Menschen gestorben, mit denen ich bekannt war. Als ich ein Kind war, verstarb die Mutter eines Freundes in jungem Alter an Krebs. Es kamen Hunderte von Menschen zu ihrer Beerdigung. Es war sehr schön, aber auch sehr traurig, doch ich war zu jung, um das wirklich, richtig zu verstehen.

Als ich ein junger Teenager war, ging mein Opa von uns. Er starb an einem Hirntumor und sein Tod war für alle von uns eine Erleichterung. Es ging ihm sehr, sehr schlecht in den Wochen davor und wir wussten alle, dass er so etwas niemals gewollt hätte. Er verstand nichts mehr, erkannte niemanden mehr (nur mich, als ich ihn das letzte Mal sah. “Melanie? Bist Du das?”), konnte das Bett nicht mehr verlassen. Über dem ganzen Haus hing dieser Geruch nach Krankheit und Unglück, so dass sein Tod am Ende eine Erlösung war. Ich musste viel weinen, doch in meiner Erinnerung war ich nicht wirklich “in Trauer”. Ich war zu jung, so viele andere Dinge beschäftigten mich zu der Zeit. Triviale Dinge, natürlich, was einem Teenager halt so wichtig ist, aber es hielt mich davon ab, mich wirklich mit dem Tod auseinander zu setzen. Das klingt vielleicht ziemlich oberflächlich und schal, aber so war es.

Als ich fünf Jahre alt war, starb meine kleine Schwester. Sie wachte eines Morgens einfach nicht mehr auf. Elf Monate war sie alt gewesen. Auch hier waren wir Kinder noch viel zu klein, um zu begreifen, was geschehen war und ich kann erst heute ansatzweise versuchen nachzufühlen, mit welcher Wucht das Unglück unsere Familie getroffen hatte. In meiner Erinnerung gibt es kaum Tränen, keine Hoffnungslosigkeit, und ich nehme an, dass meine Eltern es gut vor uns verborgen haben. Ich erinnere mich, dass wir bei Nacht in den Himmel deuteten, auf all die Sterne, ihren Namen sagten und uns vorstellten, dass sie nun einer von ihnen sei. Ich erinnere mich auch, wie ich in einem Versuch zu trösten zu meiner Mutter sagte: “Sei nicht traurig, dass sie tot ist. Schau, jetzt musst Du nur noch ein Baby versorgen!” und ihre Antwort, dass sie sich nichts lieber wünschte, als dass sie sich wieder um beide Zwillinge kümmern dürfte, dass beide noch da wären.

Ich kann heute nicht begreifen, wie meine Mutter es geschafft hat, an diesem Unglück nicht zugrunde zu gehen. Wie lebt man ein solches Leben weiter? Ich weiß es nicht. Wenn ich mir vorstelle, eines meiner Kinder zu verlieren… Nein. Ich kann es mir nicht vorstellen.

Damals war ich viel zu klein, um zu trauern. Ich erinnere mich, dass ich gerne mit zur Beerdigung gehen wollte, doch ich durfte nicht. Ich hege keinen Groll deswegen. Meine Eltern wussten glaube ich nicht, wie ihnen geschah.

Wir besuchten das Grab in den Folgejahren immer wieder. Anfangs oft, später seltener, und nach fünfzehn Jahren verlängerten wir es nicht. Trotzdem steht es heute noch, aber dem weißen Grabstein sieht man deutlich die Zeit und die Witterung an. Ich war schon lange nicht mehr dort, obwohl ich häufig an meine Schwester denke und mich stumm frage, was für eine Mensch sie wohl heute wäre.

Vor gut drei Jahren dann verlor ich unser erstes Kind. Vier Wochen lang wusste ich von dem kleinen, schlagenden Herzen, bis es eines Tages einfach damit aufhörte. Stille. Leere. Die Farben wichen aus der Welt, wie in einem Bild, das man auf Graustufen umstellt. Auf einmal machte nichts mehr Sinn, und ich weinte und weinte, wochenlang. Es tat so furchtbar weh und es zerriss mir das Herz. Niemals würde ich mein Kind nun kennenlernen, nie erfahren, was für ein Mensch aus ihm geworden wäre. Es niemals halten, niemals anschauen dürfen. Die Erinnerung war alles, was mir blieb. Ein kleines Paar Söckchen, das ich gekauft und ein Tagebuch, welches ich angefangen hatte. Wie hohl und leer die Worte darin jetzt klangen, und wie ahnungslos.

Zu dem Schmerz, den ich erlebte, kam auch noch die sehr erniedrigende Erfahrung der anschließenden Operation. Krankenhausalltag, natürlich, aber ich war verletzt! Und niemand nahm Rücksicht. Meine Trauer passte nicht in die Abläufe hinein und für warme Worte blieb keine Zeit. So verließen wir nachts um drei Uhr, nachdem die Narkose ausgeklungen war, die Klinik. Ich wollte nur nach Hause, seelisch und auch körperlich versehrt.

Doch die Zeit verstrich, wie sie es immer tut, und ganz, ganz langsam ging es mir besser. Irgendwann lacht man zum ersten Mal wieder und dann stellt man fest, dass man einige Stunden lang überhaupt nicht daran gedacht hat. Ich wurde erneut schwanger und hielt im nächsten Sommer mein Mädchen im Arm.

Heute denke ich oft, dass meine kleine Wachtel vielleicht einfach zwei Anläufe brauchte. Vielleicht hat sie es beim ersten Mal einfach nicht so richtig geschafft. Das ist ein so tröstlicher Gedanke, doch wenn ich mir vorstelle, dass es nicht so war, dass es ein ganz anderes Kind gewesen ist, das ich damals in mir trug… dann ist es manchmal so, als wäre es erst gestern geschehen. Das schmerzt sehr.

Trotzdem kann ich heute zurückblicken, ohne direkt in Tränen auszubrechen. Ich weiß nicht, wozu es damals gut war. Überhaupt zu etwas? Oder einfach willkürliche Grausamkeit der Natur? Oder habe ich selbst etwas falsch gemacht? Vielleicht hätte ich die Nasentropfen an dem einen Tag nicht nehmen sollen, ich weiß es nicht. Ich glaube, diese Gedanken werden mich sicher mein ganzes Leben lang begleiten und diese Unwissenheit, diese Zweifel, die sind schlimm. Es ist wie ein Loch im Herzen, was niemals gefüllt werden kann. Auch, wenn es nicht mehr blutet, aber es ist nie mehr so wie früher.

Wieso ich diesen Artikel schreibe? Ich weiß es nicht. Vielleicht, um ein klein wenig zu begleiten. Und vielleicht auch, um mein Glück heute ein wenig festzuhalten, damit die Erinnerung daran nicht verblasst, wenn ich selbst einmal in Verzweiflung zurückschaue.