Kein Thema, mag man meinen, sondern ein Glaubenskrieg. Gemäßigte Meinungen findet man kaum und die Gemüter kochen in der Diskussion furchtbar schnell hoch. Letztens las ich auf einem Blog (ich weiß leider nicht auf welchem) das Fazit: “Impfe ich nicht, dann habe ich entweder ein starkes Biokind, oder aber ein totes Kind.”

Ich würde es nicht so formulieren, dennoch blieb mir der Satz im Gedächtnis haften und immer wieder habe ich darüber nachgedacht, welche Strategie wir für unsere Kinder verfolgen sollen.

Den Anstoß für diesen Artikel gab nun letzten Endes eine Nachbarin, die gestern mit ihrem Baby zu Besuch war. Vier Wochen zu früh kam es auf die Welt, eigentlicher Termin wäre Ende Januar gewesen, und die Kleine hing die ganze Zeit völlig neben sich auf Mamas Arm – Siebenfachimpfung gestern. Einem Kind, welches, wäre es pünktlich zur Welt gekommen, gerade einmal sechs Wochen alt wäre.

Wir ließen Milena zum ersten Mal mit elf Monaten impfen, fünffach. Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Haemophilus influenzae Typ-b und Kinderlähmung. Die erste Auffrischung gab es mit dreizehn Monaten, die zweite mit zwanzig.

Rückblickend betrachtet hätte ich auf die Impfung gegen Keuchhusten gerne verzichtet, aber es gab nur den Kombiimpfstoff und so hat man keine Wahl. Verzichtet übrigens deshalb, weil Keuchhusten zwar eine lästige und unangenehme Erkrankung ist, wirklich gefährlich ist sie aber nur für Säuglinge unter zwei Monaten – ein Alter, welches in der Regel UNTER dem üblichen Impfzeitpunkt für Keuchhusten liegt. Ich verstehe das nicht, stehe innerliche kopfschüttelnd daneben.

Genau deshalb verzichten wir auch auf die dritte Auffrischung der Fünffachimpfung – die ist nämlich, wie meine Kinderärztin mir erklärt hat, lediglich gegen Keuchhusten.

Auf den ersten Blick nun hat unsere Tochter die insgesamt drei Impfspritzen gut vertragen. Nach der ersten fiel sie von einem auf den nächsten Moment in komatösen Tiefschlaf, nach der zweiten und dritten bekam sie abends leichte Temperatur. Am Folgetag war sie aber jedesmal wieder ganz die alte. Allerdings blieb die Einstichstelle am Oberschenkel nach der ersten Impfung fast ein HALBES JAHR etwa erbsengroß verhärtet – mir kann niemand sagen, dass das eine harmlose Injektion war.

Die verschiedensten Impfungen stünden für sie nun aber noch an. MMR (Masern, Mumps, Röteln) zum Beispiel. Oder Windpocken (Varizellen). Bei letzterer musste ich nicht lange nachdenken: Auch Windpocken sind lästig, keinesfalls aber gefährlich, und eine Impfung hält immer nur ein paar Jahre. Man müsste also ständig nachimpfen, um sicher zu gehen, dass eine Ansteckung während einer zukünftigen Schwangerschaft des Kindes vermieden wird. Das kann nämlich dann wirklich gefährlich für das ungeborene Kind werden, ähnlich wie bei Röteln. Durchläuft das Kind hingegen die Windpocken selbst, so hat es einen lebenslangen, hundertprozentigen Schutz vor Neuansteckung.

Übrigens wird noch gar nicht lange gegen Windpocken geimpft. Etwa zehn Jahre erst. Und die initialen Gründe, wieso man eine Impfung einführte, waren keine gesundheitlichen, sondern wirtschaftliche: Eine Erkrankung mit Windpocken dauert etwa zehn bis vierzehn Tage, in denen ein Elternteil nicht zur Arbeit kommen kann, weil er sich um die erkrankten Kinder kümmern muss. Dieser zeitliche Ausfall und damit auch wirtschaftliche Verlust war zu hoch, weshalb man die Varizellenimpfung einführte.

Ich habe nun viele Monate darüber nachgedacht, was wir mit der MMR-Impfung machen sollen. Röteln wollte ich bei Milena wirklich keinesfalls impfen – eine Impfung nimmt ihr die Chance, sich mit der Krankheit anzustecken und so einen lebenslangen Schutz zu erlangen. Ein Schutz, der in Zeiten von Schwangerschaften unbezahlbar ist. Und Röteln-Impfungen halten ganz unterschiedlich lang. In der Medizin ist oft die Rede von zehn Jahren, ich kenne aber zum Beispiel eine Frau, bei der zwei Jahre nach einer Impfung festgestellt wurde, dass der Schutz nicht mehr vorhanden ist. Das weiß man vorher einfach nicht – was also soll man da tun? Alle paar Monate eine Blutuntersuchung, um sicherzugehen, dass der Schutz noch da ist? Und wenn er eine Woche später ausklingt und man zwei Wochen später schwanger wird? Ich verstehe das nicht – wieso zum Henker wird gegen Röteln geimpft? Das ist ein Spiel mit der Gesundheit der Ungeborenen. Wieso Röteln nicht ganz regulär durchmachen lassen und dann für immer sicher sein, dass es in einer Schwangerschaft nicht zur Ansteckung kommen wird?

Hinzu kommt außerdem, dass man große Disziplin zeigen muss, wenn es um Folgeimpfungen geht. Sind die eigenen Kinder noch klein, hat man das noch gut in der Hand, aber wenn sie erstmal Teenager oder aus dem Haus sind, wird es schwer. Hand auf’s Herz – wer von Euch weiß genau, wogegen er noch geimpft ist, wer hat immer rechtzeitig alle ausgelaufenen Impfungen auffrischen lassen? Ich selbst jedenfalls nicht.

Schlussendlich habe ich mich entschieden, MMR bei Milena nicht impfen zu lassen. Ich kann das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Bei Arjen werden wir allerdings noch einmal neu darüber nachdenken müssen, da Mumps bei Jungen tatsächlich zur Unfruchtbarkeit führen kann. Aber noch haben wir ja Zeit – die erste Impfung steht bei ihm ebenfalls frühestens mit elf Monaten an. Übrigens ist das Immunsystem eines Babies mit etwa sechs Monaten einigermaßen entwickelt – früher würde ich es niemals wagen, einen derartigen Impfcocktail zu verabreichen, wie es heutzutage üblich ist.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf einen ernüchternden Artikel in der Süddeutschen Zeitung hinweisen, der über eine Neuzusammensetzung der Ständigen Impfkommission (Stiko) berichtet. Der Begriff “Kommission” suggeriert, zumindest bei mir, eine gewisse Unabhängigkeit, tatsächlich aber sind die Verbindungen der Mitglieder zur Pharmaindustrie erschreckend. Ich bin gespannt, ob die neuen Mitglieder einen neuen Wind hinein bringen oder ob die empfohlenen Impfstrategien weiterhin von wirtschaftlichen Aspekten geprägt bleiben werden.

Wir jedenfalls sind vorerst guten Gewissens mit dem Thema Impfen durch.