Wir kommen eben von einem wundervollen Sonntagsausflug wieder, mit warm eingemummelter kleiner Wachtel, Wildschweine und Hirsche im Wald angucken (“Laut! Krach!” Ja, ich glaube, es ist wohl Brunftzeit) und anschließendem Besuch im Lieblingsbistro. Das alles unheimlich entspannt, mit einem strahlenden Kleinkind, was alles, aber auch wirklich alles, was es sieht, in vollster Lautstärke kommentiert und auch nicht müde wird, jedem unterwegs erstens entgegenzurufen, ob er Mann oder Frau ist und ihm anschließend noch einen guten Appetit zu wünschen. ♥

Jetzt liegt das kleine Herzchen im Bett und schläft selig, während ich mir einen heißen Kaffee gönne und mich nur noch ein klein wenig darüber ärgere, was in der Stadt außerdem passiert ist.

Wir spazierten gerade über den Platz vor dem Bistro, René mit der kleinen Wachtel auf dem Arm und ich den leeren Buggy schiebend, als uns ein junger Mann entgegenkam. Er lief so schnell er konnte und drehte sich immer wieder gehetzt um, sprintete dabei mit Riesenschritten über den Asphalt. Dabei sah er ziemlich, hm, ungesund aus, mit schlackernden Klamotten, sehr blass und geradezu abgemagert, und ich bilde mir ein, in der Kürze der Zeit sogar dunkelrote Ringe unter seinen Augen gesehen zu haben.

Es kam mir jedenfalls gleich so seltsam vor und für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass ich ihn irgendwie aufhalten sollte. Tat es aber nicht – mit welcher Begründung denn? Doch gerade, als er eben an uns vorbei war, tauchte hinter ihm ein weiterer Mann auf, in Frack und Zylinder und mit graumeliertem Haar, der rief: “Haltet ihn auf, das ist ein Dieb!” Ich drehte mich um, doch der junge Mann war bereits um irgendeine Ecke verschwunden und der ältere Herr tat mir so leid, wie er mit seinem Zylinder scheinbar unendlich langsam versuchte, hinterherzukommen, ohne Chance auf Erfolg.

Wir konnten nichts weiter tun, also gingen wir weiter, aber ich hatte ein so schlechtes Gewissen deswegen. Ich hätte es nicht mehr geschafft, den jungen Mann einzuholen, aber ich denke, dass ich vielleicht auf mein Gefühl hätte hören und ihn im Lauf am Arm greifen sollen. Die Frage ist, ob ich ihn damit aufgehalten hätte oder eher nicht – er war gut anderthalb Köpfe größer als ich und recht schnell unterwegs – aber ich hätte wenigstens etwas getan. So stand ich einfach irgendwie paralysiert in der Gegend herum und kam mir im Nachhinein vor wie einer von diesen Gaffern, die nach Verkehrsunfällen für Staus sorgen.

Aber alles ging wirklich so schnell – es waren vielleicht fünf Sekunden, die ich den jungen Mann überhaupt im Blick hatte. Dennoch ärgere ich mich über mich selbst und habe dem älteren Herrn gegenüber ein schlechtes Gewissen.

Zivilcourage, dieses Überwinden der Paralyse, ist eine so wertvolle Gabe und man trifft sie nur so selten an. Und ich bewundere Menschen, die alle Ängste und jegliche Beklommenheit in solchen Momenten abschütteln können, um einfach das Richtige zu tun.

Mir selbst wünsche ich, dass ich das nächste Mal einfach schneller schalte.