Mein Geburtsvorbereitungskurs im Geburtshaus ging die Tage los, und wieder war ich fast die einzige, die bereits ein Kind bekommen hat.

Die einzige andere Frau, die auch bereits Mutter war, war auf angenehme Art und Weise recht mitteilsam und nahm auch kein Blatt vor den Mund, als es um etwas unangenehmere Themen ging. Und die Augen der Erstgebärenden wurden immer größer, ihre Blicke immer erschrockener, als das Thema auf Stilleinlagen und Flockenwindeln kam. So etwas gibt es? So etwas braucht man? Tatsächlich?

Und in meinem Kopf brodeln seitdem ein paar Gedanken, die mich nicht mehr loslassen, und immer wieder stelle ich mir die Frage, wo das Aufklären aufhört und das Angst machen beginnt.

Die Geburt meiner Tochter war wundervoll und genau so, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich brachte sie selbstbestimmt, ohne Schmerzmittel und im Wasser zur Welt, niemand redete uns rein und nach nur wenigen Stunden durften wir das Geburtshaus wieder verlassen und nach Hause aufbrechen. Ich hatte mich zuvor monatelang darauf vorbereitet, gedanklich und auch körperlich, hatte mich immer und immer wieder damit beschäftigt und fühlte mich bereit. Und so war die Geburt selbst, bei aller Naturgewalt und all ihrer unbeschreiblichen Energie, ein Erlebnis, dass die Schwangerschaft abrundete und wundervoll abschloss.

Worauf ich nicht vorbereitet war, waren einzelne Aspekte des Wochenbetts und in welch ruinösem Zustand das Ganze meinen Körper hinterlassen hatte.

Ganz unbefangen ging ich irgendwie davon aus, dass der Bauch wieder flach sein würde und ich nach wenigen Tagen Ruhe wieder voll erholt und einsatzbereit wäre.

Ich wusste Bescheid über Dammrisse, jedoch nicht über das Ausmaß, dass diese annehmen können und wir hatten damals Glück, dass meine Hebamme das “noch so gerade eben” nähen konnte – sonst hätten wir noch ins Krankenhaus gemusst.

Wovon ich nicht die geringste Ahnung hatte, waren all die anderen Stellen, an denen man so reißen konnte, und so musste fünf Monate nach der Geburt ein Bauchdeckenriss und ein Nabelbruch operiert werden. Ich durfte wochenlang kaum heben und tragen und war und bin noch immer ziemlich betrübt über die Operationsnarbe, die neben den Schwangerschaftsstreifen und einer heftigen Rektusdiastase nun meinen Bauch ziert. (Und da hilft auch der Vorschlag meiner Hebamme kaum weiter, das ganze als Trophäe und nicht als Makel anzusehen.)

Das weitaus schlimmste aber waren die unbeschreiblichen Schmerzen, die eine Fissur bei jedem Toilettengang verursachte. Dazu war die Geburt selbst ein Spaziergang, so kam es mir vor, und ich war ohne Aussicht auf Besserung einfach nur verzweifelt, weinte jeden Tag vor Schmerzen und hatte Angst, dass das niemals besser werden würde. Sechs Wochen nach der Geburt saß ich in Tränen aufgelöst bei einem Internisten, der endlich – endlich! – die richtige Diagnose stellte und mir ein Mittelchen aus dem Drogeriemarkt empfahl, woraufhin es schlagartig besser wurde. Die Schmerzen verschwanden fast vollständig und ich wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen.

Fast schon lächerlich dagegen waren die Schmerzen einer Sehnenscheidenentzündung in beiden Handgelenken, die eine Folge des Karpaltunnelsyndroms in der Schwangerschaft waren. Lästig und unangenehm, aber damit konnte man leben.

Tja, und dann noch die ganzen anderen Kleinigkeiten, die einem irgendwie niemand sagt. Dass man eine Wunde in der Gebärmutter hat, die tatsächlich stark blutet. Dass das Stillen sich erst einmal einspielen muss, dass der Ansaugschmerz richtig weh tut und dass man wirklich, wirklich Stilleinlagen braucht, wenn man nicht jeden Morgen klatschnass aufwachen will. Dass man Beckenbodenschmerzen hat, mit denen man kaum mehr als ein paar Minuten stehen kann. Dass es nicht wie im Kino ist und man schon wenige Tage später wieder Lust auf romantische Stunden zu zweit hat. Dass die alte Figur mit den Kilos, die man wieder verliert, trotzdem nicht wiederkommt. Dass man nicht einfach weitermachen kann, wie bisher.

Kurz, dass es wirklich vorkommen kann, dass der Körper eine Ruine ist und nicht mehr so sein wird wie zuvor.

Bis auf die erwähnten “Trophäen” hat sich in meinem Fall zum Glück alles wieder gebessert – aber es hat eben seine Zeit gebraucht. Gute zehn Monate, die es dauerte, ehe ich mich in meinem Körper wieder einigermaßen so fühlen konnte wie vor der Schwangerschaft.

Ich bin mir dabei sogar sehr bewusst, dass es viele Frauen gibt, denen noch weitaus Schlimmeres passiert. Von Stimmungsschwankungen, die über den normalen nervlichen Stress mit einem Neugeborenen hinausgehen, wurde ich glücklicherweise verschont und ich war auch stets in der Lage, all die Schmerzen wieder zu vergessen, sobald sie denn vorüber waren. Und, vielleicht das Wichtigste: Die Geburt war für mich kein traumatisches, sondern ein wundervolles Ereignis, an welches ich gerne zurückdenke.

Aber ich frage mich: Hätte ich all das vorher wissen wollen? Hätte mich jemand aufklären sollen über all die Dinge, die mit einem geschehen können?

Es wird vieles beschönigt oder verschwiegen, aber vielleicht passiert das auch zum Schutz der Schwangeren. Was bringt es mir schließlich, zu wissen, was alles passieren könnte, wenn dann glücklicherweise nichts von alldem eintritt?

Es war so ein seltsames Gefühl im Kurs: Die Frauen zu sehen, die noch nicht genau wissen, was auf sie zukommt, die ja irgendwie in rosa Watte gepackt sind und sich in erster Linie freuen und alles so schön ausmalen.  Und dabei ständig die Frage im Kopf zu haben, wieviel man erzählen und was lieber unerwähnt bleiben soll.

Ich denke, was mir damals geholfen hätte, wäre mehr Unterstützung und Beratung gewesen. Und das nicht im Vorfeld, sondern konkret in den Momenten, in denen ich sie gebraucht hätte. Aber die Nachsorge hat nunmal irgendwann ein Ende und Arzttermine bekommt man teils nur mit wochenlanger Verzögerung. Und es gibt auch nicht viele Menschen im persönlichen Umfeld, mit denen man darüber sprechen kann – es hat ja jeder andere Erfahrungen gemacht.

All diese detaillierten Erinnerungen, die in mir aufgekommen sind, machen mir nun ein wenig Angst vor der Zeit nach der Geburt. Wird mein Körper wieder so ein Schlachtfeld sein? Werde ich dieselben Schmerzen und Schwierigkeiten über Monate hinweg ertragen müssen? In meiner letzten Schwangerschaft machte ich mir da, ganz unaufgeklärt, überhaupt keine Gedanken drüber, und vermutlich war das gar nicht so verkehrt.

Davon abgesehen – unser Sohn ist unterwegs und wird definitiv bald zur Welt kommen. Ich bereue das natürlich auch nicht. Bei aller Unsicherheit und aller Angst ist mir ja klar, dass ich ertragen werde, was kommt, weil einfach kein Weg daran vorbei führt. Dafür ist mein Wunsch nach weiteren Kindern einfach zu stark – das könnte ich nicht unterdrücken. Es bleibt nur einfach ein kleines Häufchen Sorge in mir zurück.

Was ich jetzt allerdings im Vergleich zum letzten Mal habe, ist die Gewissheit, dass sich alles irgendwann auch wieder normalisieren wird. Auch, wenn es lange braucht.