Irgendwie ist das eine merkwürdige Zeit, im Moment. Als ob irgendetwas in Veränderung wäre, aber eben erst angedeutet. Noch lange nicht abgeschlossen.

So eine Art Zwischenphase, und in den letzten Tagen erkenne ich mich selbst kaum wieder. Wer weiß, vielleicht sind es ja nur die berühmt-berüchtigten Hormone, die mich bis jetzt verschont haben, nun aber gnadenlos einholen? Oder die letzten beiden Wochen “Urlaub” schlagen mir doch auf’s Gemüt. Es war alles andere als erholsam.

Ich sitze jedenfalls hier und mache mir so meine Gedanken. Ganz ungewöhnlich, weil ich meist die Dinge einfach nehme, wie sie kommen und spontan aus dem Bauch heraus entscheide.

Ich bin kein grüblerischer Mensch, aber jetzt grüble ich doch und frage mich, was so eine Familie eigentlich am Leben hält. Jedes Mitglied eine Persönlichkeit mit teils völlig unterschiedlichen Wünschen und Bedürfnissen. Was für ein filigranes Wunder, dass das so oft gut geht!

Natürlich, es ist immer ein Geben und Nehmen. Man steckt zurück und man bekommt, man verzichtet und gewinnt. Meist passiert das doch ganz automatisch, ohne nachzudenken. Schwierig wird es vermutlich erst, wenn einer tatsächlich einmal anfängt, darüber nachzudenken. Oder, schlimmer noch, bemerkt, dass er eigentlich, tief versteckt, ein klein wenig unzufrieden ist.

Und plötzlich steht alles in Frage. Ist das gut so, wie wir es machen? Packt einer es irgendwie alles falsch an? Gehen unsere Vorstellungen in Wirklichkeit weit auseinander und haben wir das bislang vielleicht einfach nicht bemerkt? Haben wir die Gratwanderung Familie unterschätzt?

Ich erinnere mich an meine Kindheit, als meine Mutter uns quengelnden Kinder immer und immer wieder die Frage stellte: “Wollt Ihr mit mir tauschen?” und wir geschockt schwiegen. (Ob das pädagogisch so wertvoll war, weiß ich jetzt auch nicht.) Zu unfassbar schwer und freudlos erschien uns damals ihr Leben, angefüllt mit Arbeit, Arbeit, Arbeit und scheinbar ohne kleinste Vergnügungen. Ich weiß nicht mehr, ob mir das damals aus kindlicher Unbeschwertheit heraus nur so vorkam oder ob es tatsächlich so hart für sie war. Ich weiß aber mit Sicherheit, dass sie es war, die das Ganze irgendwie zusammenhielt.

Und wenn ich versuche, den Vergleich zu heute, zu meinem Leben zu ziehen, fühle ich mich ganz und gar nicht so wie sie es damals wohl getan hat. Ja, ich bin gut ausgelastet, ja, es ist anstrengend und ich finde, dass ich wenig Zeit für mich selbst habe. Aber ich bin glücklich damit und zufrieden, möchte es nicht anders haben. Ich bin mir allerdings sehr bewusst, dass es auch für sie erst später schwierig wurde. Mit mehr als einem Kind, mit ständigen existentiellen Geldsorgen und mit schweren Schicksalssschlägen – alles Erfahrungen, die ich nicht kenne.

Dennoch stelle ich mir die Frage, ob es eigentlich normal ist, dass die Mütter der Dreh- und Wendepunkt einer Familie sind. Das, was alles im Innersten zusammenhält. Ob es ihnen einfach ein größeres Bedürfnis ist als den anderen Mitgliedern der Familie, ob sie sich mehr in der Verantwortung sehen und ob sie deshalb vielleicht weniger andere Bedürfnisse haben, so wie zum Beispiel mehr Freizeit.

Und automatisch frage ich mich, falls dem so ist, ob ich dem gerecht werde. Bin ich rücksichtsvoll genug? Oder bin ich zu egoistisch? Ist mein Horizont manchmal zu beschränkt, um noch zu merken, ob meine Bitte vielleicht übertrieben ist? Könnte ich nicht viel mehr selbst erledigen, als ich es derzeit tue? Ist die Schwangerschaft eine willkommene Ausrede, um mich auf die faule Haut zu legen? Merke ich nicht, wie ich anderen dadurch zur Last und auf die Nerven falle?

Das ist alles furchtbar untypisch für mich und es macht mir auch keinen Spaß.  Ich hasse es, Dinge zu zerdenken und sehe meist auch überhaupt keine Notwendigkeit dazu. Dennoch, die Gedanken und vor allem das schlechte Gewissen sind im Moment irgendwie da und nagen an mir.