Es war der 09.06.2009 und ich war bereits einen Tag über den ausgerechneten Termin. Und war ich die meiste Zeit der Schwangerschaft über gelassen und entspannt, so wurde ich nun langsam aber sicher ängstlich.

Ich wollte Milena gerne im Geburtshaus zur Welt bringen, ganz natürlich und spontan, und ich machte mir große Sorgen, dass ich zu lange über den Termin gehen und um eine Einleitung nicht herum kommen würde.

Aber meine Hebamme Renate blieb entspannt – sie kannte wohl die typischen Sorgen der Erstgebärenden, und zu jeder Vorsorge teilte sie ihre Gelassenheit mit mir und schaffte es jedesmal, mich zu beruhigen. Sie trug mir auf, wie auch schon in den letzten paar Wochen, Himbeerblättertee zu trinken, Sitzbäder in Heublüten zu machen und bestimmte Globuli einzunehmen. Außerdem gab sie mir ein Rezept für einen Wehentee, da ja mein errechneter Termin bereits erreicht war. Ein Tee, der die Wehen nur dann auslöst, wenn der Körper sowieso bereits soweit ist. Ein kleiner Schubs, sozusagen, und auch gut für die Psyche.

Gut gelaunt rollte ich also los, vom Geburtshaus direkt zum Supermarkt, um mir alle nötigen Zutaten zu besorgen. Nelken brauchte es, Zimtstangen und Ingwer, aus der Apotheke dann noch Eisenkraut. Doch mit dem Aufsetzen wollte ich lieber noch bis morgen warten.

Am nächsten Morgen, es war der 10.06.2009, kochte ich mir dann das Süppchen, doch ich schaffte kaum mehr als einen Becher. Ingwer – pfui! Der Geschmack war überhaupt nichts für mich, und so landete der Rest des Gebräus im Ausguss.

Die restlichen Stunden bis René von der Arbeit kam, vertüdelte ich irgendwie, wir aßen eine Kleinigkeit zu Abend und gingen dann zeitig zu Bett.

Doch schlafen konnte ich nicht. Tausendmal die Frage: Wie lange wird es wohl noch dauern? Und die inständige Bitte, nicht mehr allzu lange warten zu müssen.

Ich wälzte mich unruhig hin und her, René neben mir bereits im Schlaf, als ich plötzlich etwas merkte. Irgendein seltsames Gefühl im Unterleib, ähnlich wie Regelschmerz. Wie ein Ballon, der sich langsam immer weiter aufbläst, bis das Gefühl schließlich wieder verpuffte. Und sofort wusste ich: Das ist es. Es geht los.

Vorher hatten wir im Geburtsvorbereitungskurs immer gelacht und gescherzt, wenn jemand fragte, wie sich Wehen anfühlen. Ob man das erkennt, wenn es losgeht. Ja, man erkennt es, hieß es dann immer, das ist unverwechselbar. Und genau so sicher war ich mir in dem Moment, obwohl die Wehen noch nicht sehr schmerzhaft waren. Aber ich wusste mit Bestimmtheit, dass unsere Tochter sich auf den Weg zu uns machte.

Ich lag also im Dunkeln und versuchte, die Abstände zwischen den einzelnen Wehen einzuschätzen. Waren es zehn Minuten? Oder doch nur fünf? Gar nicht so leicht, das ohne Uhr zu bestimmen. Aber es ging mir gut dabei – ich sah gar keine Notwendigkeit, jetzt aufzustehen, um mir Uhr, Papier und Stift zu besorgen.

Nach einiger Zeit stupste ich René an und flüsterte ihm zu, dass es wohl losgehe. Verschlafen nahm er das irgendwie zur Kenntnis, fragte mich wie es mir gehe und ob ich klar käme. Scheinbar machte ich einen entspannten Eindruck, denn er drehte sich kurz drauf auf die andere Seite und schlief weiter. Eigentlich war mir das auch gar nicht so unrecht, denn: Ich war entspannt, und ich kam gut klar.

So gut sogar, dass ich zwischen den einzelnen Wehen immer wieder eindöste. Ich weiß noch, dass ich in den Wochen zuvor immer gehofft hatte, dass es bitte nicht am späten Abend losgehen solle. Wenn man schon einen Tag in den Knochen hat und den Nachtschlaf eigentlich dringend benötigt. Daher war ich froh um jedes kurze Nickerchen, was ich halten konnte – ich zählte auf die Kraft, die ich dadurch tanken und vermutlich später auch dringend brauchen würde.

Die Intensität der Wehen nahm ganz langsam zu, und ich fing an, meinen Atem bewusst einzusetzen. Durch die Nase einatmen, tief in den Bauch hinein, und durch den Mund wieder aus. Zug für Zug, Wehe für Wehe. Die Schmerzen waren für mich erträglich, angemessen. Es waren auch eigentlich keine Schmerzen, wie man sie von Verletzungen oder ähnlichem kennt, sondern eher ein Gefühl des Aufgebläht-, des Gedehnt-werdens. Als würde der Bauch Spanne um Spanne wachsen, um am Ende der Wehe dann wieder einhalten, zusammenfallen zu dürfen.

Irgendwann stupste ich René erneut an und fragte ihn, was wir jetzt machen sollen. Sollten wir Renate schon Bescheid geben? Ich erinnere mich, dass ich immer Angst davor hatte, im Geburtshaus dann einen Stillstand zu haben. Dass nichts weiter geht, nichts passiert, und so wollte ich gerne so lange wie möglich zu Hause bleiben. Außerdem war es mir unglaublich unangenehm, jemanden um 3:00 nachts anzurufen. Doch schließlich griff ich zum Telefon, weil ich merkte, dass die Wehenstärke immer weiter zunahm. Nach wie vor kam ich zwar gut klar, aber das Überstehen der Wehen, das Atmen und die Konzentration machten langsam Mühe.

Um halb vier, genau zwischen zwei Wehen, klingelten wir also Renate aus dem Bett. Sie hob ab, ziemlich verschlafen, und ich entschuldigte mich erst einmal und sagte ihr, dass es wohl losgehe. Ich bekam nach einigen Nachfragen den Auftrag, mich in die Badewanne zu legen, zu schauen, ob ich dort gut klarkomme und mich dann wieder bei ihr zu melden. Wir legten auf und in dem Moment kam schon die nächste Wehe.

Ich ließ mir also ein Bad ein, René ging in der Zwischenzeit zum Dösen auf die Couch. Bei geöffneten Türen allerdings, damit er mich jederzeit würde rufen hören.

Und dann war ich im Wasser. Was für ein Gefühl! Wie anders auf einmal alles war! Ich schwamm im warmen Naß, schwerelos, und merkte, wie mein Körper sofort entspannte. Die nächste Wehe dann war deutlich stärker als zuvor, als hätte jemand an irgendeinem Schalter gedreht, und ich atmete und tönte, wie ich es im Kurs gelernt hatte. Diese Übung, sowohl was das Körperliche betraf als auch die Konzentration, die ich aufbringen musste, war mir eine große Hilfe und sollte es auch in all den folgenden Stunden noch sein.

Und war die Intensität der Wehen im Wasser zwar auch deutlich größer als zuvor, so war es insgesamt für mich trotzdem angenehmer, weil Beginn und Ende einer Wehe ganz klar erkennbar war. Vorher war alles ein wenig breiig gewesen, mit einer Wehe, die in Unwohlsein überging, was wieder in einer Wehe mündete. Nun, im Wasser, hatte ich ganz klare Wehenpausen. Zeit, mich zu erholen.

Ich ließ immer wieder warmes Wasser nach, René schaute alle paar Minuten vorbei, und so verging die Zeit. Inzwischen hatte ich auch eine Uhr bei mir und so wusste ich, dass die Abstände zwischen acht und vier Minuten lagen.

Ich kann mich eigentlich gar nicht mehr erinnern, was mir in diesen zwei Stunden in der Wanne durch den Kopf ging. Stellte ich mir unser Baby vor? Freute ich mich? Ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, ich war einfach nur im Hier und Jetzt, vollauf beschäftigt mit meiner Aufgabe, so dass für Gedanken gar keine Zeit blieb.

Irgendwann wollte ich aus dem Wasser heraus, ich brauchte etwas Abwechslung, und so rief ich René zur Hilfe und zusammen hievten wir mich aus der Wanne. Ich zog mir etwas Bequemes an und wir legten uns wieder auf die Couch. René schlief fast sofort wieder ein und ich selbst schaffte es, zwischen den Wehen ein wenig zu dösen. Doch das bekam mir nicht gut, denn ich wurde jedesmal von einer Wehe geweckt und war einfach unvorbereitet. Sie traf mich quasi von Null auf Jetzt und ich hatte keine Kontrolle mehr, fühlte mich ausgeliefert, weil mir die Zeit der Vorbereitung und vor allem das Atmen fehlte. Daher versuchte ich, wach zu bleiben, aktiv zu bleiben.

Damit ging es besser, doch ich merkte, dass die Intensität noch einmal an Stärke gewonnen hatte. Ich versuchte, umher zu laufen, doch das war nicht das Richtige für mich. Abstützen auf dem Tisch und der Kommode half mir ebenfalls nicht, auch Sitzen war falsch. Und so blieb ich dann einfach auf der Couch liegen und wünschte mich ins Wasser zurück. Inzwischen hatten wir halb neun und ich arbeitete nun schon seit über zehn Stunden.

Es wurde Zeit, Renate erneut Bescheid zu geben. Ich wartete eine Wehe ab, griff zum Hörer und erzählte ihr, wie es mir ging. Sie würde in einer knappen Stunde da sein, wir legten auf und wie auf Knopfdruck kam in dem Moment schon die nächste Wehe. Na toll, erinnere ich mich noch, Renate denkt sicher, ich übertreibe, weil ich so locker am Telefon quatschen konnte. Wäre sie noch fünfzehn Sekunden länger dran geblieben, hätte sie mich schon tönen hören können.

Stärker und stärker wurden die Wehen, doch noch immer kam ich gut klar mit allem. Doch ich merkte auch, wie ich mir Renate herbeisehnte, wie ich auf sie wartete und wie mir diese Ungeduld die Konzentration raubte. Und vielleicht spürte ich auch, dass bald der Zeitpunkt kommen würde, an dem ich es alleine nicht mehr schaffen, an dem ich Renates Hilfe dringend brauchen würde.

Ich hielt Renés Hand, wir warteten, und auf einmal machte es ‘Plopp!’. Ein merkwürdiges Gefühl, und ich wusste instinktiv, dass die Fruchtblase geplatzt war. René sprang auf, holte Handtücher und ich staunte, wie wenig Wasser nur ausgetreten war. Es hatte sich nach so viel mehr angefühlt.

Aber viel Zeit zum Staunen blieb mir nicht, denn mit einem Mal wurde erneut alles anders. Die Wehen wurden viel stärker, sehr unangenehm, als würde durch das fehlenden Fruchtwasser alles noch einmal potenziert werden. Und ich merkte, dass mir übel wurde.

“Schüssel!”, stöhnte ich irgendwie und hoffte und betete, dass ich mich nicht würde übergeben müssen. Ich biss also die Zähne zusammen und klammerte mich an die irgendwo in meinem Inneren versteckte Hoffnung, dass Renate ja sicher bald hier sein würde.

Und tatsächlich klingelte es kurz darauf. Endlich, Hilfe war also da!

Renate kam herein und sah mir bereits auf den ersten Blick an, dass es höchste Zeit für den Weg ins Geburtshaus war.

Ich klammerte mich an meine Schüssel, René schnappte sich die gepackte Tasche und zusammen bugsierten wir mich in Renates Wagen. Es waren nur dreihundert Meter zum Geburtshaus, doch inzwischen war ich meilenweit davon entfernt, diesen Weg noch zu Fuß zurücklegen zu können. Der Wagen fuhr an und ich spürte jedes Schlagloch, jede leichte Erhebung, jeden kleinen Kieselstein auf der Straße. Ich fand es schon in der Schwangerschaft unangenehm, Auto zu fahren, doch das hier war noch einmal eine Stufe heftiger. Ich fluchte sinnloses Zeug vor mich hin, und Renate lachte und sagte: “Ja, fluch Du ruhig!”

Nach fünf Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, kamen wir im Geburtshaus an. Irgendwie schaffte ich die Treppe und irgendwie schaffte es Renate, mir in Windeseile ein heißes Bad einzulassen. Und ab dem Moment, in dem ich in diesem wundervoll eingerichteten Badezimmer mit seinen Kerzen, dem sanften Licht und der wohltuenden Atmosphäre war, wusste ich, dass ich angekommen war. Das hier fühlte sich richtig an, hier würde ich es schaffen!

Ich ließ mich ins Wasser gleiten und driftete ab in meine eigene Welt.

Renate fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn eine Hebammenschülerin uns begleiten würde, aber ich war schon längst über den Punkt hinaus, an dem mir irgendetwas irgendetwas ausgemacht hätte, und so lernte ich Tanja kennen.

Die Wehen kamen und gingen und ich versank weiter und weiter in meiner Arbeit. Ich spürte jede Wehe kommen und hob meine Hand im Wasser liegend über den Kopf, damit René sie halten konnte. Es kam mir nicht so stark vor und ich bin auch kein kräftiger Mensch, aber René musste ganz schön leiden und hatte noch Tage später etwas davon.

Renate war in erster Linie einfach da. Sie strapazierte mich nicht mit irgendwelchen Untersuchungen sondern ließ mich in Ruhe machen, füllte die Zeit zwischen den Wehen mit leisen Gesprächen mit Tanja oder René, ließ heißes Wasser nachlaufen und brachte mir etwas zu trinken. Und mir tat es gut, die drei scherzen zu hören.

Von der Decke baumelte ein langes Tuch, und irgendwann merkte ich, dass das Händchenhalten mit René mir nicht mehr half. Ich griff nach dem Tuch, hing mich mit ganzen Gewicht hinein, schloss die Augen und wehte weiter. Es waren mittlerweile starke Schmerzen geworden und längst schon tönte ich nicht mehr leise vor mich hin sondern war richtig laut. Und ich fuhr René an, der mich, so wie ich ihn im Vorfeld gebeten hatte, wieder und wieder daran erinnerte, dass ich locker lassen muss, dass ich nicht verkrampfen darf. Ja Herrgott, ich weiß es ja, aber so leicht ist es nicht!

In einer Wehenpause flüsterte ich Renate zu, dass ich Angst hätte, erst bei einem oder zwei Zentimetern zu sein, doch Renate lächelte mich an und sagte: “Glaub mir, Du bist schon viel weiter.” Wir überlegten, ob Renate einmal untersuchen sollte, doch als wir es probierten, tat es zu weh und so ließen wir es sein. Irgendwann, mein Zeitgefühl hatte mich schon längst verlassen, ging der Schleimpfropf ab und Renate erklärte: Jetzt wären es entweder fünf oder acht Zentimeter, eher aber acht, wenn sie mich so ansieht. Und dieses Wissen gab mir noch einmal Kraft. Acht Zentimeter, das hiess ja es war fast geschafft!

Und dann änderte sich alles noch einmal.

Ganz plötzlich fühlte sich alles anders an, ich hatte ein unheimliches Druckgefühl. Als würde mein Körper gestreckt, gedehnt, und erschrocken rief ich: “Renate, ich muss — !” Ihr wissender Blick sagte mir aber, dass auch das normal, das alles in Ordnung war.

Ich hatte endlich Presswehen, doch ich kam nicht gut damit klar. Sie überrollten mich, ich fühlte mich hilflos und ausgeliefert, und die Intensität ließ mich erstarren. Ich tönte nicht mehr kontrolliert sondern schrie den Schmerz, den Druck hinaus. Doch Renate war da, fing meinen Blick mit dem ihren ein und begleitete mich. Sprach mir wieder und wieder beruhigend zu, gab mir Ratschläge, die mir wirklich halfen und war da. Und ich erinnere mich sehr deutlich, wie ich eine Wehe kommen spürte, zu ihr sagte: “Renate, hilf mir!”, und wie wir zwei die Wehe überstanden. Diese und die nächste, und die nächste, und die nächste.

Meine Kraft ließ nach. Mein Körper war geschafft, am Ende, und doch stand das Schwerste noch bevor. Aber es ging nicht weiter, irgendwie stand alles still.

Irgendwann sagte Renate, dass man das Köpfchen schon spüren konnte, doch ich traute mich nicht. Erst nach ein paar weiteren Wehen griff ich zögernd nach unten und spürte etwas Weiches, Warmes. Doch ich war schon zu fertig, um es wirklich wahrzunehmen. Genau so wenig nahm ich die Fronleichnamsprozession wahr, die vor dem Fenster stattfand. Die Kirchengesänge schienen aus einer anderen Welt zu kommen, vollkommen irreal und so weit weg.

Zwischen jeder Presswehe überprüfte Renate mit einem kleinen Gerät die Herztöne unseres Kindes – alles war in Ordnung.

Doch hieß es nicht immer, wenn die Presswehen einmal da waren, dann kam auch das Kind rasch zur Welt? Wieso kam mein Kind nicht? Irgendetwas stimmte nicht, und zwischen Wehenschmerz und Delirium kroch mir eine leise Angst den Rücken hinauf. Inzwischen lag ich seit fünf Stunden in dieser Wanne, anderthalb davon mit Presswehen, und nach wie vor ging es nicht vorwärts. Das Köpfchen rutschte immer wieder zurück und ich wusste nicht, wie lange ich das noch durchhalten konnte.

Auf Renates Anweisung kniete ich mich einmal hin, um die Schwerkraft auszunutzen, doch ich empfand diese Position als sehr unangenehm, und so ließ ich mich kurz drauf wieder in meine alte Lage, auf dem Rücken, halb aufgerichtet, gleiten. Und jede Wehe war ein Kampf, der mich bis zum Letzten brachte. Ich schrie, bäumte mich auf, weinte, doch es half alles nichts.

Zum ersten Mal spürte ich dann in Renates Stimme einen Hauch von Beunruhigung, sah eine Sorgenfalte auf ihrer Stirn, als sie sagte, dass ich aus der Wanne heraus müsse. Meine Position war für mich zwar angenehm, doch sie half dem Kind nicht, weil wir die Schwerkraft nicht mit ausnutzten. Und so kündigte Renate mir an, noch wenige Wehen mitzumachen, ehe ich einmal auf den Gebärhocker wechseln müsste.

Und ich merkte, ich wusste instinktiv: Ich wollte nicht aus dem Wasser hinaus. Ich wollte hier blieben, im Warmen. Ich wollte auf keinen Fall auf diesen Hocker!

Und als hätte es diese Ankündigung gebraucht, als hätte diese leichte Drohung ausgereicht, gab mein Körper noch einmal alles. Ich spürte die Wehe kommen, kämpfte die Angst davor nieder und machte zum ersten Mal wirklich und wahrhaftig mit. Ich atmete tief ein, hielt den Atem in mir und mit ganzer Kraft half ich mit. Öffnete mich, machte mich weich und flüsterte innerlich immer wieder: “Bitte, komm!”

Ein Gefühl, wie zerrissen zu werden, ein gellender Schrei und etwas Warmes, was einem zwischen den Beinen entlang gleitet, und da war sie, unsere Tochter! Geübte Hände fingen sie auf und legten sie mir auf die Brust, bedeckten uns mit warmen Tüchern und ich legte die Arme um dieses winzige Bündel. Da war sie, so klein, so wunderschön, und ich konnte nichts anderes tun als sie mit geschlossenen Augen zu halten, zu halten.

Und war ich immer davon ausgegangen, vor Rührung weinen zu müssen, so war ich in diesem einzigartigen Moment von Tränen meilenweit entfernt. Ich war so froh, so erleichtert, geradezu euphorisch, dass nun alles geschafft war, dass mein Kind wirklich und wahrhaftig hier in meinen Armen lag. Ich konnte nur lachen und mein Glück gar nicht fassen.

Unsere Tochter, die neun Monate gewachsen war, die so wunderbar mit mir zusammen gekämpft hat, um auf die Welt zu kommen, und die nun hier lag und aus winzigen Äuglein in die Welt hinaus blinzelte.

Alles war so, wie es sein sollte.

Langsam registrierte ich meine Umwelt wieder. Sah René, der ganz gerührt neben uns stand, fragte, ob es wirklich ein Mädchen war, realisierte, dass ich es nun tatsächlich überstanden hatte. Keine Wehen mehr – dieses Wissen schenkte mir noch eine Extraportion Euphorie.

Wir warteten ab, bis die Nabelschnur auspulsiert hatte, dann wurde sie von Renate vorsichtig durchtrennt. René durfte seine in warme Tücher gewickelte Tochter zum ersten Mal halten, und mich trugen die beiden Hebammen, nachdem auch die Nachgeburt gekommen war, ins Bett.

Dort durften wir zwei wunderschöne Stunden kuscheln, uns beschnuppern, ausruhen und genießen. Milena trank das erste Mal an der Brust und ich bekam etwas zu essen. Und wir schauten sie einfach nur an, gerührt, überglücklich und erfüllt von einer tiefen inneren Seligkeit. Unser Kind, unsere wunderschöne Tochter.

Später wurde sie untersucht und angezogen, dann lag sie in Renés Armen, während ich das Genäht-werden veratmete.

Und noch später, als ich meinen Kreislauf wieder einigermaßen im Griff hatte, brachen wir langsam auf. Zu dritt, Hand in Hand, in ein Leben, was vollkommen anders war als bisher.

Oh, und für’s Protokoll: Milena kam am 11.06.2009  um 14:51 zur Welt, nach insgesamt 17 Stunden Wehen. Sie wog 4.480 Gramm, war 54 Zentimeter lang und hatte einen Kopfumfang von 35 Zentimetern.

Seitdem sind nun schon über zehn Monate vergangen und ich habe so oft an diesen Tag gedacht. Daran, was für ein unglaublicher Kampf die Geburt gewesen ist. Was es auszuhalten galt, was zu überstehen. Aber wenn ich mich zurückerinnere, dann weiß ich stets, dass es genau so abgelaufen ist, wie ich es mir gewünscht hatte. Es war ein wunderschöner Tag, der schönste in unserem Leben, und ein wundervoller, sanfter Start für Milena.

Und ich habe ein ganz neues Vertrauen in meinen Körper gewonnen und trage seitdem einen tiefen Stolz in mir auf das, was ich an diesem Tag geleistet habe.

Meine kleine Wachtel. Mein Herz.