Ich bin ein Mensch, der schlecht mit Konflikten umgehen kann, und so versuche ich meist, sie zu meiden. Das hat dahin geführt, dass ich unheimlich tolerant bin und wirklich seltenst jemanden offen kritisiere. Ich denke meist, dass jeder halt anders ist, jeder seine eigene Art hat, mit den Dingen umzugehen und würde niemals sagen “Hör mal, das und das passt mir nicht.”

Stattdessen würde ich die Sache übergehen und vergessen. Und wenn sich ständig Dinge wiederholen, die mir gegen den Strich gehen, würde ich mich einfach irgendwann zurückziehen. Nach dem Motto “Wir sind halt grundverschieden und können nicht miteinander.”

Das ist einfach meine Art, und schlecht finde ich sie nicht. Ich muss nicht auf Konfrontation aus sein, das kostet mich auf Dauer einfach zu viele Nerven.

Dumm ist nun nur, wenn ich mich gerne zurückziehen würde, das aber nicht klappen wird, weil es bei den betreffenden Personen um meinen Bruder mit seiner Familie geht.

Die bucklige Verwandtschaft, höre ich mich denken, bin aber trotzdem nicht in der Lage, das gestrige Erlebnis einfach so abzuschütteln. So viel hat sich in den letzten Monaten aufgestaut, so viele Dinge, bei denen ich eigentlich fassungslos danebenstehe und mich den Kopf schütteln sehe, bislang aber nie etwas gesagt habe.
Aber dann platzte der Knoten gestern irgendwann, der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und ich stand vom Tisch auf, um nach Hause zu gehen. Leider habe ich es aber nicht geschafft, ruhig zu bleiben, kontrolliert zu gehen, sondern habe mich in eine vollkommen sinnlose Diskussion zwischen Tür und Angel verstricken lassen, in der ich mir Dinge anhören durfte, die ich in der Art und Weise noch nie zu hören bekommen habe.
Das war das erste Mal, dass ich so offen und direkt Misgunst erlebt habe, und ich glaube auch das erste Mal, dass ich gedacht habe, ich sei in einer Mittagstalkshow, so sehr erinnerte mich diese Art der Streitkultur daran.

Irgendwann jedenfalls schaffte ich es, meine Siebensachen fertig zu packen und aufzubrechen. Kurze Zeit später eine SMS auf meinem Handy: Wir wollen alle Sachen zurück, die wir Euch geliehen haben.

Nunja – von mir aus gerne, wir benötigen sie eigentlich nicht. (Aber auch hier wieder: Die Art und Weise. Ich würde nie jemanden so plump angehen, so materialistisch.)

Jedenfalls habe ich wegen der ganzen Sache nun eine recht unschöne Nacht hinter mir, in der ich zigmal aufwachte, mich ärgerte, nachdachte, mich hin und her warf.

Blut ist mir nicht so dick wie Wasser – meinen Vater beispielsweise habe ich über zehn Jahre nicht gesehen und lebe wunderbar damit – aber ich weiß, dass es meiner Mutter das Herz zerreissen würde, wenn von nun an Familientreffen nicht mehr gemeinsam stattfinden könnten. Und diese “Entweder Ihr oder wir!”-Sache ist mir ehrlich gesagt auch ein bisschen zu blöd. Was also tun?

So sitze ich also hier und frage mich, welche Art zu handeln mich selbst am stolzesten machen würde. Und ich weiß, dass das ganz sicher keine Familienfehde wäre. Ich muss über meinen Schatten springen, heute beim Sachen zurückbringen klingeln und noch einmal darüber reden. Mich entschuldigen. Ich weiß nur nicht, wofür. Halt doch, ich weiß es: Nicht für meine Ansichten, aber für die Art und Weise, wie ich gestern gegangen bin und dass ich mich auf diese Diskussion eingelassen habe. Dass ich nicht ruhig geblieben bin.

Und im Sinne meiner Mutter müsste ich die Sache dann beilegen.

Größe zeigen.

Aber kann ich das? Und wäre das wirklich Größe?