So eine haben wir definitiv hinter uns.

Vielleicht lächeln einige und sagen, dass man sich daran gewöhnen muss. So sei das halt mit kranken Kindern, alles nicht so wild, wie es aussieht. Aber für mich waren die ganzen letzten Tage richtig schlimm.

Nach zwei durchfieberten Tagen zu Hause gaben wir am Ende des zweiten Tages auf. Kurz zuvor hatte Milena all das Wenige, was wir den ganzen Tag über versucht hatten, in sie hinein zu bekommen, wieder ausgespuckt. Sie hatte also zwei Tage lang so gut wie nichts zu sich genommen, nichts getrunken, und wir bekamen das Fieber nicht in den Griff. Paracetamol, Ibuprofen, Wadenwickel… irgendwann hat’s einfach nicht mehr gereicht und wir sind schliesslich wieder ins Krankenhaus gefahren.

Dort wurde relativ schnell ein RS-Virus und eine beginnende Lungenentzündung diagnostiziert. RS-Virus sei ein einfacher Schnupfenvirus, der für uns Erwachsenen nicht weiter schlimm ist, die Kleinen jedoch gehörig aus der Bahn werfen kann. Das größte Problem sei aber derzeit der Flüssigkeitsverlust, weshalb die kleine Wachtel umgehend an den Tropf genommen werden müsste.

Und damit begann das Drama…

Sechs Mal mussten sie stechen, ehe es klappte. Milena ein panisches, schreiendes, fuchtelndes Bündel, René sichtlich fertig, ich ein Häufchen Elend. Aber es nützte ja nichts, es musste ja sein. Zu dritt hielten wir sie fest, und es tat mir in der Seele weh. Es war eine schreckliche Erfahrung, und die Vorstellung, dass das Ganze für Milena noch viel schlimmer war, dass sie ja gar nicht wusste, wie ihr geschah und eine Riesenangst hatte, machte es nicht besser. Die Schwester bot uns mehrfach an, den Raum zu verlassen, aber ich konnte nicht verstehen, wie sie auf die Idee kommen konnte, dass ich mein Kind hier alleine lassen würde.

Endlich lag dann der Zugang, aber anstatt sie jetzt endlich mal an den verdammten Tropf zu legen, mussten wir erst zum Röntgen, dann noch einen H1N1 Test machen. Auf Station bekam sie dann noch einen Schlauch an die Nase, einen Sensor an den Fuß, musste noch ein Medikament inhalieren und dann – endlich! – kam sie an die Infusion.

Sofort schlief sie ein, ich auf einem Klappbett neben ihr.

Der nächste Tag verlief schon besser – die Infusion und das Antibiotikum taten ihre Wirkung. Trotzdem fieberte sie weiter und verschlief den halben Tag. Alle paar Stunden musste sie wieder inhalieren – auch das jedesmal eine Tortur für sie. Wir litten beide. In der Nacht holte ich sie zur mir auf’s Klappbett und so schliefen wir auch die folgenden Nächte. Es war sehr eng, aber es tat uns beiden gut.

Am dritten Tag ging es ihr besser. Und was fiel mir für ein Stein vom Herzen, als sie endlich wieder etwas tat. Lächeln, sich bewegen, plappern… das alles hatte sie komplett eingestellt und ich hatte schon den Eindruck, nie wieder ein fröhliches Kind zu haben. Was tat das gut, zu sehen, wie es wieder bergauf ging! René kam uns mindestens einmal am Tag besuchen, und es war so wunderschön, als sie das das erste Mal bewusst mitbekam und richtig kreischte vor Freude, ihn zu sehen.

Der vierte Tag war dann eigentlich ein Pflichttag – wir wollten schon nach Hause, aber der Arzt wollte es nicht erlauben. Also blieben wir.

Und heute früh kam René uns dann endlich holen. Ich weiß nicht, wer von uns dreien sich am meisten gefreut hat, dass wir jetzt endlich wieder heim dürfen. Hier gibt es dann jetzt noch Antibiotika für den Rest der Woche und morgen früh geht’s nochmal zum Kinderarzt zur Kontrolle.

Wie ich diese Zeilen so lese, kann man gar nicht die Angst und Sorge herauslesen, die ich die ganzen Tage hatte. Ich habe so viel geweint und die kleine Wachtel so viel gehalten und gestreichelt, und ständig geisterte in meinem Kopf die Vorstellung herum, was wohl wäre, wenn wir ein paar hundert Jahre früher gelebt hätten. Ohne Infusionen, ohne Medikamente. Und mir wurde klar, wie schnell das alles vorbei sein kann. Noch jetzt, wenn ich an das Legen der Zugangs denke, oder daran, wie kläglich sie auf meinem Arm gehangen hat, wie elend sie war, kommen mir die Tränen und ich hoffe, dass sie so etwas nicht nochmal durchmachen muss.

Vielleicht werden also einige sagen, dass ich hoffnungslos übertreibe, aber ich hatte solch eine Angst, und Milena tat mir so unwahrscheinlich leid.

Ich bin sehr erleichtert, froh und dankbar, dass nun alles überstanden ist.

Und ich bin unheimlich stolz auf meine kleine Wachtel.