Die stand heute also an. Und verlief nicht wirklich gut.

Milena wiegt heute, über sieben Monate nach ihrer Geburt, 6.760 Gramm, bei einer Länge von 68cm.

Dass sie zart ist, wussten wir – schwer, das zu übersehen. Dass sie aber solch ein extrem niedriges Gewicht hat, das hat mich richtig geschockt. Die Ärztin nannte es Untergewicht, Essstörung und Entwicklungsverzögerung. Aber erstmal der Reihe nach:

Die Entwicklungsverzögerung sei eine solche, weil Milena sich erst mit sechs Monaten gedreht hat. Ich sehe das anders – sechs Monate sind meiner Meinung nach vollkommen im normalen Bereich. Ich habe das der Ärztin auch gesagt, aber sie wollte es nicht gelten lassen. In ihren Augen hat Milena sich deshalb erst so spät gedreht, weil sie körperlich zu schwach dazu war. (Ich aber denke, obwohl sie so zart ist, hat sie es mit sechs Monaten schon geschafft.)

Na, das ist eigentlich gar nicht so wichtig. Im gelben U-Heft steht nun zwar Entwicklungsverzögerung drin, aber das beunruhigt mich also nicht.

Was allerdings nicht in Ordnung ist, ist das niedrige Gewicht. Isoliert betrachtet sind 6.760 Gramm bei dieser Körperlänge zwar nicht außerhalb der Perzentilen, wenn man aber ihr großes Geburtsgewicht von immerhin 4.480 Gramm berücksichtigt, dann ist dieser Unterschied zu gewaltig. Sie ist quasi vom einen Extrem der Skala zum anderen gewandert, und das ist wenn auch kein direkter Grund zur Panik dann aber doch etwas, woran man arbeiten muss.

Ich sagte der Ärztin auch, dass Milena nie vor Hunger weinte, dass ich sie oft angelegt habe. Beides, so die Ärztin, passt eigentlich gut ins Gesamtbild: Es gibt Kinder, die finden sich einfach damit ab, nicht genug zu bekommen. Es wird also zum Normalzustand. Und das häufige Anlegen war, so gesehen, dann auch eher hinderlich, weil die sättigende Milch erst nach ein paar Minuten zu fliessen beginnt. Alles, was vorher kommt, dient in erster Linie der Durstlöschung, weil es viel weniger Fett enthält. Und so hat Milena zwar häufig getrunken, aber selten wirklich nahrhafte Milch bekommen.

Um das Ganze noch zu vervollständigen, passt das auch zu unserer Schlafsituation: Vielleicht ist Milena tatsächlich so oft wach geworden, weil sie hungrig war, hat dann aber auch immer nur kurz getrunken, so dass das Wenige auch nicht lang genug vorgehalten hat. Hierzu passt dann auch dieser Post von heute früh und die Tatsache, dass ihr Schlaf in den ersten acht Wochen noch viel besser war. (Ihre Perzentilen zeigen einen Knick nach fast genau acht Wochen.)

Wir müssen die kleine Wachtel nun also schnell aufpäppeln. Heute gab es Zucchini mit Kartoffeln, in ein paar Tagen (wenn sie sich an die Kartoffeln gewöhnt hat) gibt es dann zum ersten Mal Fleisch. Außerdem gibt es nun abends, nachts und morgens ein Fläschchen mit 2er-Nahrung. In vier Wochen ist dann der nächste Kontrolltermin.

So, soweit also die Fakten. Wie fühlt man sich aber, wenn man so etwas erfährt?

Ziemlich mies. All die Monate über war ich überzeugt, dass das Stillen Milena reicht. Ich habe mich auf mein sehr sicheres Gefühl verlassen und stelle heute entsetzt fest, dass es mich die ganze Zeit über getrogen hat. Ich war immer sicher, dass sie einfach kein stämmiges Kind ist, dass sie halt so veranlagt ist. Ihre Haut war immer rosig, sie hat selten geweint, immer getrunken. Außerdem war sie immer ein so fröhliches Kind, hat den Tag mit Strampeln und Erkunden verbracht.

Nun mache ich mir Vorwürfe, weil ich vielleicht zu viel Verantwortung in ihre Hände gelegt habe.

Und es wird mir sehr deutlich klar, was für eine gewaltige Aufgabe man da eigentlich hat und was für eine gefährlich Gratwanderung das manchmal sein kann.

Einerseits möchte man seinen Kindern nicht vorweg greifen, ihnen nichts vorgeben, wofür sie noch nicht bereit sind. Sie sollen die Möglichkeit haben, in ihrem eigenen Tempo zu wachsen, sich so zu entwickeln, wie es ihnen entspricht. Sie sollen weder eingeschränkt noch überfordert werden.

Andererseits darf man nichts übersehen, muss sicherstellen, dass das “eigene Tempo” weder zu langsam noch zu schnell ist, muss dafür sorgen, dass bei aller Freiheit dennoch alles im angemessenen Rahmen abläuft.

Aber woher soll man immer wissen, wie dieser angemessene Rahmen aussieht?

Bisher habe ich mich immer auf mein Bauchgefühl verlassen und es hat mich noch nie getäuscht. Das war eine Premiere heute, die mich ziemlich verunsichert zurück lässt, und ich frage mich, ob ich mich vielleicht auch in anderen Bereichen geirrt habe.

Edit: So, mit Nachbarin gequakt, alles halb so wild. Sie meinte, auf den Gesamteindruck komme es an, und da ist Milena einfach ein Bündel aus Fröhlichkeit und guter Laune.
Mann, tut das gut, Freundinnen zu haben…